Protokoll vom 25.03. 2025

Wie aus einem zeitweiligen Pekinger Drogenhändler ein rheinhessischer Drogenproduzent wurde

oder

wie die Erkenntnis, dass tägliche Trinkgelage mit chinesischen Bürokraten kein nachhaltiger Lebenszweck sein können, aus einem studierten Volkswirt einen respektablen rheinhessischen Winzer machte

oder

die Geschichte(n) des Stefan Fleischer, seiner Vorfahren und des Weingutes der Stadt Mainz

Dargeboten anlässlich der Probe der Weinbruderschaft Nassauer Land am 25.03.2026


Der Moritat voranzustellen ist die Feststellung, dass der Genannte weder verwandt noch verschwägert mit unserem Bruderschaftsgründer Wolfgang Fleischer ist und außer Nachname und Provenienz vordergründig außer der Liebe zum Wein wenig gemeinsam mit ihm hat.

Um ein verwundenes (und verwunderliches!) Curriculum nicht noch verwirrender zu machen, also im Klartext: Dem älteren Bruder den Vortritt im Weingut lassend, hat unser Referent u. a. Wirtschaftswissenschaften studiert, dann als Berater im Reiche der Mitte reüssiert und anschließend Weine „an den chinesischen Mann“ gebracht, bevor er nach 12 Jahren im Jahr 2013 auf die heimische Scholle zurückkehrte und dann in 10. Generation doch in die Fußstapfen der Hechtsheimer Winzerfamilie trat, die das Weingut der Stadt Mainz seit 1994 gepachtet hat.

Neben den 8 Hektar bewirtschaftet die Familie inzwischen insgesamt rund 40 Hektar Rebfläche, produziert im Schnitt 300.000 Flaschen pro Jahr in der klassischen Pyramide
Gutsweine – Ortsweine – Lagenweine.

40 % der Wingerte beherbergen Rieslingsorten. Daneben werden aus der Familie der Burgunder-Reben neben den Pinot-Sorten Chardonnay und Auxerrois sowie heimische Rebsorten angebaut. Das klassische Terroir mit überwiegend kalkhaltigen Gesteinen des Tertiärmeeres charakterisiert die Weine und unterscheidet sie durchaus von den Gegebenheiten des jenseits des Rheines liegenden Rheingau.


Der Referent lässt keinen Zweifel an seiner Präferenz für die klassischen Rieslinge aufkommen und hat folgerichtig fünf Weine aus dieser Familie an den Beginn der Probe gestellt.

Einige allgemeine, dem Terroir geschuldete Charakteristiken hebt er hervor:
Zitrus-, Apfel- und Grapefruitnoten prägen die in der Regel spritzigen Weine, deren Restzucker-Gehalte schwerlich über 4 g/l und die Restsäure um die 7 g/l liegen.


Weinmacher-Philosophie

„Der David war immer schon da, ich musste lediglich den überflüssigen Marmor um ihn herum entfernen!“

Damit betont er die Bedeutung der Qualität des „Rohstoffs“ Traube. Den Einfluss fernöstlicher Weisheiten auf seine Denkart nicht verleugnend, fügt er hinzu, dass man Rebstöcke wie Kinder erziehen muss. Und so werden am Ende Begrifflichkeiten wie „Laubwand“ als Erziehungsmethode transparent.


Unter diesen Aspekten versteht der Protokollant die Beschreibung der ausgeschenkten Weine als ein
„Thema mit Variationen über Riesling à la Fleischer“,
in denen mit Nuancen von „salzig“, „süffig“, „fruchtig“ im Rahmen der Qualitätskategorien zwischen Gutswein und Lagenwein gespielt wird.

Vom einfachen „Riesling trocken“ über den sehr gefälligen Harxheimer Riesling Schloßberg Alte Reben, dem Hechtsheimer Kirchenstück trocken als ältester Lage der Familie bis zu zwei Jahrgängen Bodenheimer Silberberg Riesling trocken, im Tonneau ausgebaut, wird die Rebsortenklaviatur jüngster Jahrgänge (2023–2025) ausgemessen.

Zu Letzterem sei bemerkt, dass bei einer früheren Verkostung der 2022er Jahrgang deutlich mehr Anklang fand. Das mag an der verschiedenen Einbindung des Holzes liegen. Der „saftige“ Preis begründet sich wohl nicht zuletzt in den geringen Hektarerträgen.

Wenn hier nicht weiter auf die individuellen geschmacklichen Nuancen der ausgeschenkten Weine eingegangen wird, so dient das der Straffung des Protokolls und belegt, dass jeder Gaumen differenzierte Wahrnehmungen generiert.


Wie nicht anders zu erwarten, verlockt der Klimawandel auch überzeugte Riesling-Winzer in Rheinhessen, einen Blick auf weiße Burgunder-Rebsorten zu werfen: so auch die Familie Fleischer unter anderem in Sachen Auxerrois seit 2017.

Die Nassauer Weingeschwister schwelgen nicht ohne Grund seit Zeiten für einen Auxerrois aus dem Weingut Simon-Bürkle aus Zwingenberg – zu Recht!


Finale

Als Schlusspunkt kam ein 2020 Merlot Fass No. 2 ins Glas. Nach zwei Jahren in neuen Barrique-Fässern ist auch dieser Wein Beleg für den – in diesem Falle und in dieser Region positiven – Klimawandeleffekt.

Dass dieser Jahrgang auch mit hohem Alkoholgehalt (15 %!) rund und samtig mit harmonisch gebundenem Holz daherkommt, lässt auf vieles hoffen. Aber Achtung, es gibt nur 500 Flaschen davon! Sollte jemand den Chronisten danach fragen, würde er antworten, dass auch der aufgerufene Preis angemessen erscheint.


Stefan Fleischer verdiente sich Beifall für seine engagierte und überzeugende Präsentation seiner Philosophie und Arbeit, seine erfrischende Melange aus Fernöstlichem und Rheinhessischem, und erbrachte schließlich den Nachweis, dass er auch „Määnzerisch babbeln“ kann.

Ein trauriger Abschied von unseren Weingeschwistern Christa Huth und Ernst-Dieter Irle war dem Abend vorangestellt, ebenso die Begrüßung unseres neuen Mitgliedes Carola Rosbach.