Protokoll

Alle Wege führen nach Rom…

Es sei dahingestellt, wie Jean de la Fontaine, der vermutliche Schöpfer dieses geflügelten Wortes selbiges verstanden haben wollte – ob er nun die vielfaltigen Möglichkeiten der Erledigung einer Aufgabe, oder die damalige Vormachtstellung des Papstes damit apostrophierte (den Protokollant beschleicht allerdings der finstere Verdacht, dass hier eine Schlamperei des Übersetzers vorliegt und der Originalwortlaut des Zitates „Tous chemins vont à vin“ lautet!) – für das hier zu Sagende gilt Ersteres, dass es nämlich zahllose Wege gibt, Dinge abzuhandeln (in diesem Falle Weine zu beschreiben!) – auch wenn beckmesserische Sommeliers und Weinversteher das gerne anders sehen wollen!! In der Vielfalt liegt Stärke und Kreativität!!

Johann Rasch legt dazu in seinem 1582 erschienenen, dem Herren Balthasar Probstes zu Klosterneuburg gewidmetem Werk „Weinbuch. Vom Baw/Pfleg und Brauch des Weins: Allen Weinbaw Herren, Weinhändlern, Wierthen und Weinschenken sehr notwendig zu wissen…..“ beredt Zeugnis ab. So rät er den Weinverkäufern beispielsweise, zu besseren Verkaufserfolg spezieller Weine ausgewählte Speisen zu reichen, um die Geschmackssinne positiv zu beeinflussen! Kommt uns doch irgendwie bekannt vor?! (Was in der Praxis allerdings bedeutet, dass ein Wein in seiner individuellen Wahrnehmung davon abhängig ist, ob der Proband vorher eine Kohlsuppe oder Kaviar zu sich genommen hat!)

Es fällt nicht schwer, unsere „Rom (Wein??)-Pilger“ für ihre Beschreibungen und Interpretationen der jeweils zugeordneten Wein-Paare – so verschieden sie auch angelegt waren – zu loben: wohlbehalten und abwechslungsreich erreichten alle das Ziel – sehr zum Genuss des Auditoriums! – und dies eben nicht nur wegen der kredenzten Weine!

Michael Petermeyer machten den Anfang mit dem Weißburgunder des Weingutes Born und dem Grünen Silvaner von Gussek, beides 2023er, die den hohen Anforderungen und den Begrenzungen der 51 Grad-Winzer der Saale-Unstrut hinsichtlich Lese-Mengen, Oechsle-Zahlen etc. gerecht werden. Beide sind trotz der sehr geringen Restzucker-Werte sehr harmonisch und insgesamt dicht und durch das Muschelkalk-Terroir mineralisch akzentuiert. Die für das Erraten des Zuckergehaltes vom Referenten ausgelobte Ringeltaube-Prämie konnte im ersten Versuch nicht vergeben werden, da der Kellermeister irrtümlich falsche Werte zitierte. Wie schon bei der ersten Weinprobe Saale-Unstrut vor 5 Jahren überzeugten die sogenannten „Cool-Climate-Wines“ auch diesmal einhellig.

Mit 2022 Weingut Boehme-Töchter Riesling Große Lage wurde der Abschied aus der Region nicht einfach gemacht. Gut, dass diesem Großkalibrigen mit dem Zimmerlinger 2021 Gewürztraminer vom Pillnitzer Königsberg etwas Ebenbürtiges gegenübergestellt wurde. Da konnten die Sachsen einen ersten großartigen Akzent setzen. Dem lobredenden secretarius verschlug es fast die Stimme – bekanntermaßen eine rare Ausnahme!
Sozusagen auf dem „Goldenen Wagen“ reiste Doro Benner-Luger über die bis zu 400 Jahre alten Terrassen des königlichen Weinbergs Augusts des Starken – der sächsischen Premium-Lage! – und ließ „wackerbarthschen“ gemischten Satz aus Traminer, Riesling, Silvaner und Grauburgunder des 2022 Radebeuler Goldener Wagen Alte Reben und 2022 Aust-Zeit Scheurebe-Weißburgunder des Weinguts Karl Friedrich Aust ausschenken (so klein das sächsische Weinbaugebiet auch sein mag – es ist Heimat von 73 Rebsorten, u.a. den singulären Goldriesling und Malingre!)

Wenn in der Saale-Unstrut die Hektar-Erträge auf 50 Hektoliter begrenzt sind, unterbietet die Elbe mit 45 hl diesen Wert nochmals.

Müßig zu erwähnen, dass die Präsentation den Weinen in Wort und Bild mehr als gerecht wurde – so reist man gerne nach Rom – auch im übertragenen Sinn!!
Fehlten nur noch die „Roten“, die bei derzeit noch 80% Weißwein-Anbauflächen in der jüngeren Vergangenheit an Bedeutung gewonnen haben. Diesen Part übernahm der Kellermeister, der mit Weingut Schuh Klausenberger Dunkelfelder bezüglich Winzer und Rebsorte eine deutsche Rarität ins Glas brachte: Dunkelfelder wird deutschlandweis auf 370 ha angebaut, in Sachsen ist es wenig mehr als ein halbes Hektar – insofern ist ein reinlagiger Wein eine echte Rarität! Seinem Namen macht er alle Ehre, erscheint er doch im Glas fast schwarz! Anmutungen von Johannisbeeren, alter Pflaume und Brombeeren bei 14% alc. machen diesen Wein zu einem Ereignis. Die Familie Schuh ist im Jahre 1990 von der Obermosel kommend in Meißen eingewandert, der Juniorchef war im Laufe seiner Karriere als Jahressieger deutscher und europäischer Jungwinzer.
Der ebenfalls in Meißen ansässige 2020 Schloss Proschwitz Heilig Kreuz Spätburgunder Barrique Große Lage des Prinzen zur Lippe ist ein traditioneller Pinot Noir mit bemerkenswert intensiver Kirsch-Anmutung. Hier zeigt sich, dass das Weingut auf einem sehr guten Weg ist. Wenn die Saale-Unstrut sich nach wie vor in der Sektion „rot“ schwertut, kann man hier als traditioneller Spätburgunder-Trinker Hoffnung machen. So war’s auch der Referent als ausgewiesener Burgunder-Fan zufrieden!

Am Ende des Tages bleibt festzuhalten, dass die Vielfalt der Vortragenden und des Vorgetragenen den durchgängig guten Weinen gerecht wurde – und das geneigte Publikum wohlgestimmt entfleuchen ließ.
Bleibt zu hoffen, dass sie sich ebenfalls einmal zu proaktiven Teilnahmen bequemen können…….