Spanisch Weinprobe 2024
Bürgerhaus Staffel am 27.03.2024
Protokoll
Spanischen Granden beider Couleur!
Mit den guten Weinen ist es wie mit dem Weihwasser: den einen ist es heilig und den anderen schlichtweg Wasser. Und je nach Position trifft einen das erleuchtende Nass mehr oder weniger – oder gar nicht – vulgo, es schmeckt oder es schmeckt eben nicht! (Der Protokollant büßt im Stillen für den sprachlichen Frevel!)
Wenn sich der Vorstand der Weinbruderschaft entschließt, eine Spritztour durch die flächen- und produktionsbezogen größte Weinbau-Nation dem kundigen Gaumen und der Auswahl des Kellermeisters anzuvertrauen, ist er sich wohl bewusst, dass ein solches Projekt „ex ovo“ risikobehaftet ist – selbst, wenn letzterer sich dabei – um in spanischer Diktion zu bleiben – auf einige „Granden“ beschränkt, und damit – sagen wir mal – 98% Prozent der namenlosen und „gemeinen“ Weine aus insgesamt 17 Anbau-Regionen „außen vor“ lässt.
Wenn man dann noch weiß, dass viele der vielhundert Rebsorten autochthon iberisch und dem konventionellen mitteleuropäischen Wein-Geschmack fremd sind, dann wird die Komplexität der Veranstaltung deutlich. Hinzu kommt die sich aus den vorherrschenden 3 Klima-Zonen Spaniens ergebenden grundlegend verschiedenen Charakteristika der jeweiligen Weine.
Vorab sei aber gesagt, dass der Kellermeister sich redlich bemüht hat und ihm die Anerkennung von 25 Weingeschwistern und eines Gastes gewiss war, zumal er sich ja auf einige schon in der Vergangenheit präsentierte „Pracht-Exemplare“ spanischer Weinbau-Kunst berufen konnte.
Die gewählten Weine – alle laut einschlägiger Händler in der Größenordnung zwischen knapp 20€ und um die 100€/Flasche ausgewiesen – erheben in Bezug auf den Preis hohe Ansprüche – wenn auch in dieser Kategorie in Spanien – wie auch andern Orts – nach oben keine Grenzen gesetzt sind.
Zum Auftakt gab es mit
2017 Cava Gran Reserva brut nature Reserva Familia von Pere Mata
eine klassische Cuvée aus Macabeu-, Xarel.Io- und Parrelada- Trauben, die der Cava-Tradition des katalonischen Penedès mit prädominanten Früchtenoten, ein wenig Vanille und guter Mineralität und Hefe würdig ist. Kann sich mit manchem Champagner messen!
Die gewählten Weißweine, alle aus dem Nordwesten, kann man getrost als spanische Klassiker bezeichnen. Das gilt sowohl für den galizischen
2021 Albarino à Cesteira, Bodegas Fulcro, Rias Baixas
mit betonten Citrus-Noten und salziger Mineralität, von dem in einem einzigen Holzfass nur 650 Flaschen hergestellt wurden (was den saftigen Preis von 32€ erklären mag), als auch für den
2021 Verdejo Quintaluna, Bodega Ossian, Castilla y Léon,
einen aus uralten Rebstöcken teils in Stahl und teils in kleinem Holz 9 Monate auf der Hefe ausgebauten strukturreichen, wuchtigen und beeindruckenden Vertreter seiner Zunft.
Ein Newcomer als Wein ist der
2020 Mauro Godello, Bodegas Mauros
aus dem Weinbaugebiet Bierzo unweit der bekannten Ribeira del Duero-Region. Dessen Besitzer Mariano Garcia allerdings ist seit Jahren ein anerkannter Önologe, der mit dem aus 100%-Godello-Trauben, 10 Monate im 500l-Holzfass gereiften hochkomplexen Wein mit Anmutungen von Anis und Wiesenblumen anbietet, der seinen bekannten Rotweinen ein gewichtiges weißes Gegenmoment liefert. Der Preis (40€) geht zu guten Teilen auf das Renommee des Weinmachers – und auf die Tatsache, dass in den letzten Jahren nichts unversucht blieb, um insbesondere auch Weine dieser Regionen, insbesondere die Weißen, auf dem Markt zu platzieren. Dem Protokollanten konvenieren diese 3 Weine – solange er nicht auf die Preis-Etiketten schaut. Was auch auffällt: Je länger sie im Glas sind, umso filigraner werden sie – merke: bei diesem Ausbau ist Dekantieren keine schlechte Idee.
Was die Rotweine angeht, beschränkte sich die Auswahl auf zwei Anbau- Gebiete: Priorat und Rioja. Vordergründig keine schlechten Regionen – auch im Lichte der gewählten Jahrgänge 1998….2007. Aber das ist einem als Trinker spanischer Roter im Allgemeinen geläufig: Sie brauchen Alter und nach dem Öffnen gerne viel Luft.
Zu der meistangebauten Tempranillo-Traube bemerkte der Kellermeister, dass die Traube schon in jungen Jahren nach Ausbau im Stahl-Tank durchaus trinkreif sein kann, ihre wahren Qualitäten aber über die Jahre im Holz entwickelt.
1998 Gran Reserva 904, La Rioja Alta
– 90% Tempranillo, 10% Garciano – gilt als Flagschiff des Anbaugebiet und ist im Stellenwert annähernd gleichzusetzen mit Vega Sicilia, für die Mariano Garcia (siehe oben) lange arbeitete. Ein Bouquet von Trockenfrüchten und Gewürzkräutern ist nach 4 Jahren Ausbau in amerikanischen Eichenfässern persistent. Seine beste Zeit hatte dieser Jahrgang allerdings schon!
2004 idus de Vall Llach, Priorat
– eine Cuvée aus Garnacha, Carinena, Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot, die je nach Trauben-Angebot der Kleinwinzer in ihrer Zusammensetzung jährlich wechselt. Ausdrucksvoller dunkelrubinroter Wein mit Aromen von Trockenobst, Waldfrüchten, Kräutern und Tabak, teils 16 Monate in französischem Eichen-Barrique (Erstbelegung) und in Stahl ausgebaut. Auch hier meint der Protokollant einen gewissen Abstieg zu vermerken!
2003 Marqués de Murrieta Reserva, Finca Ygay, Bodegas Marqués de Murietta
– Cuvée aus 88% Tempranillo, Garnacha und Mazuelo. Ein trockener, Tannin-betonter Wein mit Anmutungen von Kirsche, roten Früchten, Vanille, Tabak, Erde und dezenten Eichenholztönen. Auch hier wohl über den Zenith, aber nach wie vor beeindruckend.
2004 1/3 Trio Infernal Priorat
– 60% Garnacha, 40% Carignon. Da haben sich 3 südfranzösische Weinmacher aufgemacht, um das Priorat jährlich in mehreren Cuvées zu interpretieren. Die 1/3-Variante zeigt Aromen von dunklen Waldfrüchten mit deutlicher mineralischer Komponente. Im Glas des Protokollanten fand sich reichlich Sediment, in dem sich die ehemals wohl frischen, kräftigen Noten dieses Weines verloren haben mögen.
Zum Abschluss 2007 Vina Tondonia Reserva, Bodega Lopez de Heredia, Rioja Alta
– einer der traditionellsten spanischen Rotweine. Der 100 ha große Weinberg Tondonia am Ufer des Ebros liefert hauptsächlich Tempranillo und Garnacha, die im Mengenverhältnis von etwa 4:1 über 6,5 Jahre in Eichenfässern altern, bevor sie auf die Flasche kommen. In der Nase Düfte nach Veilchen, Moschus, Leder und Tabak, auf der Zunge Variationen von roten Früchten, Zimt, Nüsse, zarte Tannine bei einem kräftigen säurebetonten Abgang. So wie man sich landläufig Rioja-Rotweine vorstellt? Aber das wäre bei der Vielfalt der spanischen Wein-Regionen und Traditionen eine zu einfache Stereotype!
Zusammenfassung: Trotz Absatzkrise prophezeien die Wein-Auguren dem spanischen Weinbau eine weiterhin große Zukunft, die Investitionen und die aggressive Vermarktung scheinen dies zu belegen. Allerdings sind die jährlichen witterungsabhängigen Schwankungen in den Produktionszahlen jetzt schon signifikant, und der Klimawandel wird das Seinige tun!!
Bei aller Euphorie bleibt festzuhalten, dass eine Unzahl der „namenlosen“ Weine in steigendem Maße mit staatlichen Subventionen gestützt bzw. entsorgt werden muss. Und letztendlich bleibt abzuwarten, wie sich die Fastfood-Generation zu dem „Kulturgut“ Wein stellen wird.
Insofern war diese Veranstaltung in die Kategorie „Elfenbeinturm“ zu stellen – bei, folgt man der Reaktion des Auditoriums, unterschiedlichen Zufriedenheits-grad.