Teobroma cacaoderiv. versus Vitis viniferaderiv.
Unsere Altvorderen hatten es gut! Wenn sie Wein tranken, gab es dafür allzeit praktische Beweggründe: Durst, die Verbesserung der Trinkwasserqualität durch Zumischen von Wein oder auch um sich einfach einen Rausch anzutrinken – siehe auch Carmina Burana 14. Gesang „In taberna quando sumus“
„Bibit hera, bibit herus, Säuft die Herrin, saufen die Herren,
bibit miles, bibit clerus, säuft der Ritter, saufen die Pfaffen,
bibit ille, bibit illa, säuft mal dieser, saufen jene,
bibit servus cum ancilla……. Säuft der Knecht mitsamt der Magd…….
Etc., etc., etc……..”
Auf abwegige Gedanken, wie die Kombination von Wein mit anderen festen Nahrungsmitteln, kam in jenen Tagen kaum einer!
Daran änderte sich auch nichts, als Hernan Cortéz 1528 Kakaobohnen – „xocolatl“ in der Sprache der Azteken – an den spanischen Hof brachte. Der Leibarzt Philipps II entwickelte daraus ein Mittel gegen Verstopfungen mit folgendem Rezept:
- 3 EL Kakaopulver
- Mark von 2 Vanille-Schoten
- 1 EL schwarzer Pfeffer
- 200 ml Wasser
- Honig oder Zucker zum Süßen,
ein extrem bitteres Getränk, allein deswegen als Medikament prädestiniert! Selbiges Gebräu erreichte 1673 auch die Hansestadt Bremen, war aber in der Wahrnehmung des gemeinen Volkes irrelevant, da unerschwinglich. In der Folgezeit, und mit dem Anbau des Kakaobaumes über die Grenzen Mexikos hinaus, bemühten sich insbesondere Angehörige seefahrender Völker um die Marktgängigkeit der Kakaobohnen, u.a. auch ein gewisser Herr van Houten. Die Milch-Schokolade allerdings wurde erst 1876 – wie könnte es anders sein! – durch den Schweizer Daniel Peter „erfunden“ (wohlmöglich hat er auch die lila Kuh erfunden??).
Was hat das alles nun mit dem Anliegen unserer Weinbruderschaft zu tun, mögen sich manche mehr oder weniger geduldige Lesende fragen!? Will der Protokollant mit – angelesenem – Wissen protzen?
Vielmehr will er den Weg zu der Erkenntnis ebnen, dass handelsübliche Schokolade moderner Prägung herzlich wenig mit dem zu tun hat, was uns Natalie Lumpp, die vielen nicht ganz unbekannte Sommeliere und Wein-Autorin, gemeinsam mit unserem Kellermeister und dem Gundelsheimer Chokolatier Eberhard Schell für die Präsentation „Schokolade und Wein“ zusammengestellt hatten.
Vorab wird noch angemerkt, dass Wein mit Schokolade noch vor 30 Jahren ein kulinarisches „No-Go“ war und eigentlich erst mit der Einführung hochkakao-haltiger Zartbitter-Schokoladen („Valrhona“) salonfähig wurden.
Hier sollte nun des Protokollanten Feder ruhen, hat er doch von Schokolade so viel Ahnung wie der sprichwörtliche Blinde von den Farben – er isst nämlich keine! Aber da ja niemand sonst bereit ist, sich diese Aufgabe zu stellen, opfert er sich, garantiert aber in keinster Weise für die Authentizität des Folgenden.
Dabei hätte er sich mit dem ersten Getränk leicht die „Kugel geben“ können:
- Champagner-Trüffel in Champagner Georgeton-Rafflin Blanc de Blancs
100% Chardonnay, spritzig, harmonisch als Starter und Zungenlöser. In der Tiefe des Glases lockte die weiße Schokoladenkugel – vergebens!
Weiter ging es mit einem alten Bekannten
- 2019 Schloss Fürstenberger Riesling trocken, Ratzenberger, Mittelrhein gepaart mit Schokolade Unami Papua, einer Komposition mit Fleur du Sel, das in Dialog mit dem Zitronen-Aroma des Weines trat.
Offensichtlich noch deutlicher wurde der Dialog bei
- 2020 Grauburgunder X trocken, Weingut Johner, Kaiserstuhl, ein voluminöser, im gebrauchten Tonneau ausgebauter 14%er, dem als Schokolade Rouge Papua mit rosa Pfeffer gegenüberstand.
Womit das Thema „Weiß-Wein“ – vorerst – abgeschlossen war. Ins Glas kam
- 1990 Savigny-les Beaunes Appelation controlée 13%alc., Domaine Valentin Bouchotte, Cote d’Or, mit Anmutungen von Tabak, Pflaume und Trüffel, dem mit Schokolade Vitis Noir mit 70 Kakao ein großkalibriges Gegengewicht gesetzt wurde.
Wenn man gemäß Empfehlung der Sommeliere zuerst die Schokolade in den Mund nimmt und dann mit Wein umspült, wirkt in diesem Falle der Wein plötzlich „süß“ im Vergleich zur Schokolade!
- Dem 2019 Blaufränkisch Buchertberg, Weingut Herrenhof Lamprecht, aus der Steiermark, der dem secretarius ein anerkennendes Hutlüften abnötigt (der sich nebenbei fragt, wieso der analoge Lemberger deutscher Herkunft mit den österreichischen Geschwistern kaum mithalten kann?), steht die Kreation Cuba Trinitario mit 65% Kakao und Anmutungen von Pfeffer gegenüber.
Als die Holländer im 17. Jahrhundert Fuß auf südafrikanisches Territorium setzten, dauerte es nicht lange bis 1675 die ersten Weingüter gegründet wurden. 1685 gründete Simon van der Stel das Gut Constantia, dessen Süßwein „Vin de Constance“ später insbesondere Napoleon Bonaparte gefiel. Der Aussage unserer Referentin, dass die Indigenen keinen Wein tranken, stellt sich die Frage entgegen, ob nicht eher die alten Buren im Sinne der Apartheit ihnen das edle Getränk nicht gönnten – zuzutrauen ist es ihnen!!
- 2012 Cabernet Sauvignon trocken, Winery Schalkenbosch besticht durch opulente Aromen von Cassis und schwarzen Johannisbeeren mit gut eingebundenem Holz und eleganten Tanninen. Dem wurde Schokolade Fruit Noir mit 70% Kakao gegenübergestellt.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt der Veranstaltung machte sich mittels Nebengeräuschen die den beiden Genussmitteln zugeordnete und nachweisbare! – Ausschüttung des Glückshormons Serotonin im Auditorium bemerkbar. Nebenbei bemerkt lebte man ja auch insofern gesund, als die Aufnahme von Antioxidantien durch Wein und Kakao belegt ist. Um da nicht in die Hinterhand zu geraten, hatte der Protokollant seinen Weinkonsum zu intensivieren.
Ein weiterer roter Südafrikaner stand auf der Agenda
- 2014 Klein Tulbagh Merlot Limited Release 14.5%alc. Tulbagh Winery
Ein eleganter reinlagiger Wein mit Aromen von Kräutern, Anis und Anmutungen von Hustenbonbons. Braucht sich vor anderen Merlots nicht zu verstecken!
Die Schokoladen-Genießenden mögen sich gefragt haben, wie denn nun wohl das Verhältnis von Schokolade zu „süß“ ausgebauten Weinen seine möge.
Die Antwort folgte sozusagen auf dem Fuß mit
- 2016 Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese 8%alc., J.J. Prüm, Mosel
Einer der klassischen Dessertweine von einem Weingut, dass noch 70% wurzelechte Rebstöcke besitzt. Dazu ein Stück Schokolade San Thomé mit Orangenschalen kann sich selbst der secretarius vorstellen!
Nach diesem „Nachtisch“ hatte Natalie Lumpp noch zahlreiches Anekdotisches und Erbauliches zu berichten, das hier unterschlagen wir – mit Ausnahme des Berichtes von der Burgunder-Auktion des Jahres 2023 in Beaune mit mittleren Erlösen von 31.000€/225l! Das sogenannte Präsidentenstück ging für 350.000€ – wohl gemerkt für 225l! – an einen hoffentlich glücklichen Bacchus-Jünger.
Im Vergleich dazu war diese Verkostung eine durchaus preiswerte Veranstaltung – allerdings auch nur dank eines anonymen Spenders, der die Kosten und das Honorar der Referentin übernahm, und eines entschlossenen Griffs in die Vereinskasse. Es ist ja nicht alle Tage eine Endveranstaltung 2023!
In Vertretung des Bruderschaftsmeisters, der in der Antarktis Pinguine fütterte, dankte des secretarius Frau Lumpp für eine grandiose und kurzweilige Präsentation, sprach die allfälligen guten Wünsche zum Jahreswechsel – insbesondere Gesundheit und Rekonvaleszenz – aus und verwies auf den traditionellen Neujahrs-Empfang Ende Januar und die Mitgliederversammlung mit Neuwahlen im Februar 2024.
Schließlich trollt er sich mit den letzten Versen aus dem 14. Gesang der Carmina Burata:
Quamvis bibant mente leta, Trinken wir auch frohen Mutes,
sic nos rodunt omnes gentes, sagen Völker gar nichts Gutes:
et sic erimus egentes. Dass wir davon dürsten werden.
Qui nos rodant confundantur Wer uns schmäht, der soll verkommen,
Et cum iustis non scribantur. fehlen einst im Buch der Frommen.