Spätburgunder – Reminiszenzen
Ausweislich der Annalen unserer Weinbruderschaft wurde dem Thema Spätburgunder/Pinot Noir zu verschiedensten Anlässen per Nase und Zunge Aufmerksamkeit gewidmet und mehr als 20 Weinmachern insbesondere aus Deutschland und Frankreich Tribut gezollt – wobei nicht immer Einigkeit erzielt werden konnte, wer denn nun die „besseren“ Weine mache. Allein die Frage als solche scheint unzulässig, ist doch jede geöffnete Flasche immer nur eine Moment-Aufnahme dessen, was die Philosophie der Winzer, die jeweiligen Jahrgänge, das Terroir usw., usw. ausmacht – und, last but not least, eine Frage des individuellen Geschmacks und der aktuellen Wahrnehmung.
Und am Ende der Tage gibt es eben keinen kalibrierten Standard für „den Pinot Noir“ oder „den Spätburgunder“ – auch wenn mancher Burgund-Verehrer das vielleicht gerne so hätte……..
Wie dem auch immer sein mag, unser Kellermeister unterzog sich der nicht einfachen Aufgabe, aus den getrunkenen Weinen der vergangenen 7 Jahre eine Auswahl von 8 bemerkenswerten Exemplaren zu treffen, diese bis zur Unkenntlich zu tarnen, um einen – nicht ganz ernst zu nehmenden – Angriff auf das Erinnerungsvermögen der anwesenden weiteren 17 Weingeschwister zu starten. Vorab war offensichtlich, dass einige denkwürdige Weine bei dieser Begrenzung „außen vor“ bleiben mussten (was natürlich Anlass und Argument für eine weitere Auflage dieser Veranstaltung sein könnte!).
War es abzusehen, dass er mit diesem Ansinnen krachend scheitern musste?? Nicht er eigentlich, sondern vielmehr die Probanden, die schon bei der Frage nach der „Nationalität“ überwiegend uneins waren, ganz zu schweigen von der regionalen Zuordnung der Anbau-Gebiete und nicht zu allerletzt an den Jahrgängen!! Der secretarius wirft im Folgenden den Mantel des Schweigens über die kläglichen Bemühungen des Auditoriums, das trotz mannigfacher Hilfestellungen und Ermunterungen durch den Mentor wiederholt im Dunklen tappte!! In diesen Kontext ist auch das Bonmot unseres Weinbruders Ali Ahäuser zu stellen, der im Verlaufe der Probe bemerkte.
„Wenn jeder, der nichts zu sagen hat, schweigen würde, wäre unsere Welt besser dran!“
Sozusagen im Aufgalopp kam aber erst einmal ein „Weißer“ aus der Burgunder-Familie ins Glas
- 2019 Alsbacher Schöntal Auxerrois trocken 13%alc., Weingut Simon-Bürkle, Hessische Bergstrasse
mit dem vorab signalisiert wurde, wohin an diesem Abend die Reise qualitätsmäßig gehen würde. (Eine notorische „Rotverweigerin“ wurde im weiteren Verlauf mit
- 2017 Naumburger Sonneck Weißer Burgunder 14%alc., Winzerhof Gussek, Saale-Unstrut
„ruhig gestellt“. Immerhin auch aus der Burgunder-Familie…….)
Korrekt als Deutscher wurde von den Spätburgunder-Adepten
- 2016 Lorch Kapellenberg Pinot Noir 13.5%alc., Weingut Chat Sauvage, Rheingau
eingeordnet. Damit war mit einem nach 22 Monaten Fasslager sehr runden, gefälligen und ausgewogenen Glanzstück des noch jungen Weingutes ein gelungener Auftakt garantiert!
- 2016 Nuits-Saint-George, Grand Vin de Bourgogne 13.5%alc., J.L. Raillard, Cote de Nuits, Burgund
ist als klassischer Pinot Noir sicher kein Wein der ersten Reihe, besticht aber durch erstaunliche Frische bei reichlich Tanninen.
- 1989 Sauvigny les Beaune Hauts-Jarrons, 1er Cru controlée, 13% alc., Valentin Bouchotte, Burgund
kann getrost als freundlicher gesetzter alter Herr, der vielleicht seine besten Tage schon hinter sich hat, bezeichnet werden – aber so genau kann man das bei diesen alten Franzosen nie wissen!
Wohl aber kann man bei
- 2012 Recher Herrenberg Spätburgunder GG 13%alc., Jean Stodden, Ahr
mit Fug und Recht behaupten, einem der großen deutschen Rotweine im Glas zu haben, der auch nach mehr als 10 Jahren noch als frischer Jüngling daherkommt und sich – auch mit steigendem Alter – vor nichts und niemandem verstecken muss!
Zurück in die Gegend um Lorch führt
- 2003 Lorcher Schloßberg Spätburgunder trocken, Weingut Asbach-Kretschmar, Rheingau
von Peter Kreuzberger. Der secretarius hatte einen anderen Jahrgang – zu einer anderen Zeit! – lange nicht so straff und jugendlich in Erinnerung und vergriff sich beim Jahrgang um fast zwei Dekaden – und bittet den Weinmacher auf diesem Weg posthum um Nachsicht! Auch im Vergleich mit seinem Vorgänger ist diesem Wein nichts Schlechtes nachzusagen. Hier steht die (Spätburgunder-)Wacht am Rhein, wenn man Martiales aus der Vergangenheit zitieren will!
Was haben die Burgunder aus dem gleichen Jahr zu bieten?
- 2003 Vosne Romanée 1er Cru Les Beaux Monts 13.5%alc, J.L. Raillard,
der die allgemeine Anerkennung des Kollegiums fand. Vielleicht kein ganz großer Jahrgang – zumindest aber ein sehr guter – mit allem, was man einem Pinot Noir abverlangen kann – komplex und dicht mit großen Aromen auf der Zunge.
Und so leicht geben die Burgunder nicht nach:
- 2005 Chambolle – Musigny Grand Vin de Bourgogne 13%alc., Domaine Sigaut
Man muss sie nur lange genug altern lassen, dann werden auch diese Landweine an Ausdruck gewinnen, ein sanfter harmonischer Pinot Noir!
Als letzter seiner Gattung musste ein Pfälzer herhalten, der für einige durchaus zum Wein des Tages avancierte
- 2005 Siebeldinger im Sonnenschein Spätlese GG, 14%alc. Oekonomierat Rebholz
Da staunte der secretarius und das Publikum wunderte sich! Würzig und vielschichtig, Anmutungen von Zimt, Nelken, Kardamom und Tabak. 100% Südlage. Wie kann es sein, dass sich der Autor an diesen Wein nicht erinnert!?
Nun könnte man natürlich einwenden, dass da noch einige „Großkalibrige“ aus früheren Verkostungen fehlen – Friedrich Becker, Knipser und einige Franzosen, aber – siehe oben – was nicht ist, kann ja noch werden……
Einen wollte der Kellermeister noch draufsetzen – sozusagen einen Querschläger
- 1978 Barolo DOC, Cantina Marcarello in Barolo 13.5%alc
Nach so viel geballter Ladung Pinot Noir tat sich der Nebbiolo – ob seines hohen Alters? – ein wenig schwer; der weintechnisch im Piemont sozialisierte secretarius verneigt sich allerdings in Ehrfurcht von einem Stück großer Vergangenheit, dessen Nachverkostung bei der Niederschrift dieses Protokolls zu Niederknien Anlass gab!!
Der Kellermeister schloss seine kurzweilige Präsentation mit der melancholischen Bemerkung, dass eine gleiche Weinprobe wohl kaum mehr stattfinden könne – schlicht, weil einige der verkosteten Weine nicht mehr verfügbar sind!!
Unter diesem Eindruck musste in der Dankesadresse darauf hingewiesen werden, dass die Generosität eines gewissen Diezer Weinkellers Dimensionen erreicht hat, die hier nicht in Zahlen gefasst werden sollen. Jedenfalls dankte das animierte Wein-Kollegium ergebenst, und Weinbruder Manfred Michel nahm Anlass, seine persönliche Hochachtung zum Ausdruck zu bringen, in dem er feststellte, dass er eine solche Weinprobe noch nicht erlebt habe. Wer ihn kennt, weiß, dass derer nicht wenige waren!