Vortrag von Prof. Dr. Otmar  Löhnertz.  

Zur September 2023-Veranstaltung unserer Bruderschaft konnte Bruderschaftsmeister Sigi Luger 26 Weingeschwister begrüßen. Bevor er in das Tages-Thema einführte, gab er einen kurzen Ausblick auf die kommenden Veranstaltungen:

  • Oktober: Blindverkostung ausgewählter deutscher und französischer Spätburgunder/Pinot Noirs aus Weinproben der vergangenen Jahre. Der Kellermeister greift ins Archiv („Rotverweigerer“ werden mit „Weißen“ ruhiggestellt!)
  • November: Jahres-Abschluss-Veranstaltung. Wein und Schokolade mit Natalie Lumpp
  • Januar: Der Vorstand lädt zum Neujahrs-Empfang
  • Februar: Mitgliederversammlung mit Neuwahl des Vorstands. Hierzu ermuntert der BM die Weingeschwister, sich als Kandidaten für die Vorstandsposten zu bewerben.

Anschließend begrüßt er den Referenten des Abends, Herrn Prof. Dr. Otmar Löhnertz, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Abteilung Bodenkunde und Pflanzenernährung der Hochschule Geisenheim, ehemaliger Dekan und Träger des Professor Müller-Thurgau- Preises 2022, der auf Anregung und Vermittlung unseres Weinbruders Heinz Huth in seinem Vortrag einen Blick auf die Lage des Weinbaus – nicht nur in Deutschland – werfen wird.

An den Anfang seiner Ausführungen stellte der Referent die Aussage, dass sich der Weinbau im Allgemeinen und Speziellen in einer Krise befinde: wirtschaftlich betrachtet ist der Mengen-Absatz in den letzten Jahren um 20 % gesunken, Anbau-Flächen werden stillgelegt, und der Klimawandel macht den Winzern weltweit zu schaffen. Darüber hinaus haben Änderungen in der Weingesetzgebung zu Verunsicherungen geführt, und in steigendem Maße bestimmen Discounter die Markt-Strukturen.

Passend zu diesen ernüchternden Schlagzeilen kommt der erste Wein in die Gläser

  • 2022 DOM ZERO Riesling alkoholfrei, Bischöfliches Weingut Trier, Mosel

als ein Beleg für die Bemühungen der Branche, neue Märkte zu erschließen, basierend auf dem Verfahren der Vakuum-Destillation von Carl Jung – wahrhaft ernüchternd meint der secretarius.

Ein weiteres Problemfeld sind Krankheiten und Pilzbefall in den verschiedenen Weinbau-Regionen. Mit der Feststellung, dass Weinbau ohne Pflanzenschutz nicht möglich sei, umreißt der Referent das Dilemma der Betriebe. Bemühungen zur Zucht pilzwiderstandsfähiger Sorten – sog. PIWIS – führen zu neuen Wein-Aromen. Als Beispiel wird eine Perlwein-Cuvée aus Solaris und gelben Muskateller

  • 2022 Villa Monrepos Muscaris secco 13%alc., Rheingau

kredenzt, der laut Referenten ebenso wie ein Cabernet Blanc aus PIWI-Trauben bei konventionellen Konsumenten unter mangelnder Akzeptanz leidet – nicht zuletzt wegen des einigen Weinen nachgesagten, „Fox-Geschmacks“. Auch der Versuch, pilz-resistente tropische Rebsorten zu verwenden, fällt in diese Kategorie.

Die Bemühungen, neue ökologische Weine einzuführen, resultieren u.a. in sogenannten Naturweinen und Orange-Weinen, die nach dem „nichtinvasiven Grundsatz“ ohne äußeren Einfluss vinifiziert werden. Dazu gehören analog auch Amphorenweine, die in Georgien vor Jahrtausenden die Weinkultur begründeten und heute u.a. auch in Portugal und dem Friaul in klassischer Manier hergestellt werden.

Verkostete Beispiele sind

  • 2020 „Baci“ Geisenheim Kläuserweg Riesling trocken 13%alc. (12 Monate Barrique) und Riesling Orange 13.5%alc., beide Weingut Sohns, Rheingau
    jeweils spontan vergoren, kräftige Aromen nach reifen Früchten bei prägnanter Mineralik. Diese Weine werden sich trotz aller Qualität allerdings bei Preisen über 20€ am Markt schwertun.

Weitere Bemühungen zur besseren Marktgängigkeit beziehen sich auf ökologisch-biologische Anbaumethoden, teilweise infolge der jeweiligen lokalen und regionalen Vorgaben; entsprechende Qualitätsbezeichnungen und Güte-Siegel gewinnen an Bedeutung. Während in Deutschland derzeit 8….9% der Anbau-Flächen als ökologisch ausgewiesen sind, deklariert Spanien schon 25% in dieser Kategorie.

Die divergierenden regionalen, nationalen und europäischen Standards der Weinklassifizierung versuchen sich im verstärktem Maße der klassischen, überkommenen Qualitätskriterien zu entziehen, nach denen beispielsweise im Burgund nur 1% aller Weine als Grand Cru bezeichnet werden dürfen. Auch der V.D.P. in Deutschlands stößt mit seiner Qualitätspyramide an die Grenzen der Logik. Folgerichtig treten Winzer verstärkt mit Phantasie-Bezeichnungen auf den Markt:

  • 2022 Riesling „Five o’clock“, 12%alc, August Kesseler, Rheingau

Als Durstlöscher und Aperitif-Wein deklariert mit Apfelaromen, oder

  • 2020 Signature Ferrada Pinot Noir, 14%alc., Graf-Binzel, Nahe
    24 Monate in Allier-Barrique-Eiche gereift; ein prägnanter Spätburgunder mit Aromen von dunklen Beeren und Kirsche oder – der aktuelle Spitzenreiter unter den Rotweinen in Deutschland –
  • 2020 Doppio Passo IGT Primitivo 13%alc., Botter Casa Vinicola, Apulien
    Ein halbtrockener, gefälliger, vollaromatischer Rotwein, der in zwei Lese-Perioden vergoren und später auf der gesamten Maische nochmals gemeinsam vergoren wird. Aromen von Kirschen Zwetschgen, Brombeeren und Kakao.

Sorge bereitet allen Winzern weltweit der vehemente Klimawandel, den der Referent mit zahlreichen beeindruckenden Graphiken dokumentiert. Wenn beispielsweise im Jahr 1987 an der Mosel Riesling mit 53-67° Oechsle mit frühestem Lesetermin 24.10. in die Keller kam, ist die Riesling-Lese heute im Wesentlichen schon im September bei wesentlich höheren Zuckergehalten abgeschlossen. Über die letzten Jahre leiden die Reben verstärkt unter Wasser-Mangel und veränderten Niederschlagsprofilen. Zwangsläufig haben traditionelle Regionen Probleme mit den überkommenen Rebsorten. Als Gegenstrategie wird intensiv mit Klima-resilienten Rebsorten experimentiert. Als Beispiele werden benannt

  • 2020 Gamaret trocken 14%alc., Villa Monrepos, Rheingau
    Eine Kreuzung aus Gamay und Reichensteiner in der Schweiz gezogen und dort auf ca. 450 ha hauptsächlich in der Region Genf angebaut. Ein würziger, aromatischer Wein mit deutlichem Tannin und dunkler Farbe,
  • 2022 Alvarinho trocken, Villa Monrepos, Rheingau
    eine insbesondere in Galizien und in Nord-Portugal heimische Rebsorte, die interessanterweise seit 2019 auch im Bordelais im Zuge der Maßnahmen gegen den Klimawandel zugelassen wurde. Im Vergleich zu im Minho in Portugal getrunkenem Alvarinho ist sein hessischer Verwandter erstaunlich würzig und dicht,
  • 2019 Geisenheimer Kläuserweg RGG, 13%alc. Weingut Sohns, Rheingau
    Eine sortenreine Riesling-Cuvée, die mit komplexen Fruchtaromen und nachhaltigem mineralischen Abgang hohen Ansprüchen genügt. Man möchte hoffen, dass es diesen Wein trotz Klimawandel noch lange in dieser Qualität gibt.

Mit deutlichen Worten unterstreicht Prof. Löhnertz in der Zusammenfassung seine Sorge hinsichtlich der Folgen des Klimawandels die einen nicht abschätzbaren Einfluss auf den Weinbau – nicht nur in Deutschland! – haben und haben werden.

Fast möchte man glauben, dass die beiden letzten Weine

  • 2015 Piesporter Goldtröpfchen Riesling Spätlese, 8.5%alc., Bischöfliches Weingut Trier, Mosel

und

  • 2002 Rotling Eiswein, Hochschule Geisenheim

als sentimentale Reminiszenz auf vergangene Klimata zu verstehen sind, denn die Frage, ob es derartige Weine in unseren Regionen jemals noch einmal geben wird, muss – leider – unbeantwortet bleiben.

Wohl dem, der einen wohlbestückten Weinkeller sein Eigen nennt!!

Lange anhaltender, lebhafter Applaus quittiert diese erleuchtende Lektion über die aktuelle und kommende Welt des Weinbaus.

In der Danksagung kommentiert der secretarius die vielen neuen und nicht immer erfreulichen Eindrücke aus der Verkostung der Weine, unterstreicht die unwägbaren Folgen des Klimawandels in Bezug auf das Kulturgut Wein, beklagt die Tatsache, dass es offensichtlich noch immer Zeitgenossen gibt, die sich weigern die Auswirkungen zur Kenntnis zu nehmen und dankt dem Referenten für eine profunde Vision zu dem Themenkreis Wein und Klima.

Der BM rundet die Laudatio mit einem Gastgeschenk ab.