„Chardonnay at its Best“-Probe
26. April 2023
Den Kellermeister, 21 wissbegierige Weingeschwister, Frauke Häuser-Jüngst als neue Weinschwester und einen Gast konnte der Bruderschaftsmeister zur „Chardonnay at its Best“-Probe willkommen heißen, soweit erforderlich mit den Insignien der Bruderschaft versehen, auf die kommende Mosel-Saar-Exkursion verweisen und anschließend dem Vortragenden das Wort erteilen.
Alf Weiss bezog sich in seinen einführenden Ausführungen auf die Erfolgsgeschichte der weltweit bevorzugt angebauten weißen Traubensorte Chardonnay, deren Siegeszug nicht zuletzt auch den klimatischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte geschuldet ist, und die seit ihrer Zulassung im Jahre 1991 auch in Deutschland zunehmend Anbauflächen hinzugewinnt. Geprägt ist diese Entwicklung von Höhen und Tiefen, die in den späteren Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts insbesondere in den Vereinigten Staaten ihren Tiefpunkt erreichte, als regelrechte „Karikaturen“ der überwiegend in Holz ausgebauten Weine den Markt überschwemmten. Als Reaktion protestierten die Weintrinker mit der Parole „Anything but Chardonnay – ABC“. Der moderne Ausbau in Stahltanks gab den Chardonnays insbesondere in der neuen Welt wertvolle Impulse. Traditionell ist die Traube ein wesentlicher Rohstoff für die Schaumwein-Produktion.
Typischerweise gedeiht die Rebsorte in wärmeren Anbau-Regionen bevorzugt auf kalkhaltigen Substraten verschiedenster Ausprägung und verträgt alle Vinifizierungs-Prozesse gutwillig. Generell liegen die Weine bei 12…..13.5%alc. und zwischen 4.2 und 6.5g/l Restsäure.
Bei der Unzahl der weltweit angebotenen Chardonnay-Weine muss eine Auswahl von nur 10 Repräsentanten für eine Probe zwangsläufig schwerfallen und kann bestenfalls einige Schlaglichter auf die Geschmacks-Vielfalt werfen. Dass am Ende vier Deutsche aus verschiedenen Regionen, ein Österreicher, ein Spanier, 2 Italiener und zwei Franzosen in die Gläser kamen, begründete der Kellermeister unter anderem mit dem Versuch, auch einige mögliche Extreme aufzuzeigen.
Los ging es mit 21 Chardonnay Clos de Schulz, Weingut Chat Sauvage, Rheingau aus der bekannten Lage Winkeler Jesuitengarten. Dieser Wein wurde in anderen Jahrgängen unter großem Beifall anlässlich eines Besuches des Weingutes im Vorjahr verkostet. Diese Mal war die Reaktion reservierter. Geschmacksnoten von Vanille, Melone, Bittermandeln und Hustenbonbons wurden erwähnt. Einigkeit bestand dahingehend, dass der Wein noch zu jung sei.
Der secretarius erlaubt sich anzumerken, dass auch Weiss-Weine mit Fass-Ausbau durchaus verdienen, zwecks Belüftung frühzeitig vor der Probe geöffnet und ggf. dekantiert zu werden. So wurde auch der erste Wein „auf den zweiten Schluck“ deutlich versöhnlicher bewertet.
Mit 2017 Chardonnay**** Reserve, Weingut Knipser, Pfalz -„ was dem Japaner sein Koi, ist dem Pfälzer sein Woi“ -folgte ein Schwergewicht unter Deutschlands Winzern, was neben seinen bekannten Roten (Kalkmergel, Mandelpfad, Kirschgarten) durchaus auch für diesen Wein gilt. Neben der gut eingebundenen Holz-Note besticht der Wein durch ein rundes Bouquet exotischer Früchte.
2020 Chardonnay Reserve, Weingut Bründlmayer, Niederösterreich wird zu den besten Chardonnays weltweit gezählt. Pro Hektar werden auf metamorphen Terroir nur 3.000 Liter gelesen und jeweils zur Hälfte in alten und neuen 300 l Fässern vinifiziert. In der Nase merkt man Feuerstein, Haselnuss und grüne Äpfel, während auf der Zunge Zitrus und Steinobst hervortreten, insgesamt saftig, mineralisch und feingliedrig. Als „Pirat“ wurde dieser Wein in den 80er Jahren bei der „Vinitaly“ als bester Chardonnay ausgezeichnet. Ausdrücklich empfiehlt das Weingut, den Wein zu dekantieren!
In dieser an Geschichten reichen Probe folgte 2019 „Vinya Giggi“ Chardonnay, Weingut Jean Leon, Penedès, Spanien. Der Kellermeister konnte nicht umhin, die Geschichte des blinden Passagiers Ceferino Carillon zum Besten zu geben, der als Tellerwäscher in Hollywood begann, als Jean Leon zum Besitzer des Prominenten- Restaurants „La Scala“in Beverly Hills Filmgrößen wie James Dean, Frank Sinatra, Dean Martin usw. zu seinen Förerern, Gästen und Freunden zählte und ab 1963 ein Weingut im Penedès gründete. Seine Rotweine wurden zu den zwanzig besten der Welt gezählt und u.a. zur Amtseinführung von Ronald Reagan serviert. Heute gehört das Weingut der Winzer-Dynastie Torres. Sein Chardonnay wurde als leichter Aperitiv-Wein eingeordnet, den man auf den ersten Schluck nicht als typischen Vertreter seiner Gattung einordnen würde.
Zurück in Deutschland beeindruckt 2020 Ihringer Winklerberg 1. Lage, Weingut Dr. Heger, Kaiserstuhl mit ausdrucksvoller Mineralität, die das vulkanische Substrat deutlich erkennen lässt. Ein in jeder Beziehung „runder“ ausdrucksvoller Kaiserstühler.
Der „letzte“ Deutsche dann 2018 Chardonnay „Mineral“ Weingut Friedrich Becker, Pfalz, 22 Monate im Holzfass gereift, kann zwanglos als Chardonnay Referenz-Wein bezeichnet werden. Hier wird nicht nur geographisch die Nähe Frankreichs manifest, vom Weingut selbst als „Primadonna“ klassifiziert, erreicht er in allen Rankings mindestens 95 Punkte. Über 30 Jahre alte Rebstöcke vermitteln ein weites Früchte-Bouquet mit feiner Vanille ohne jemals zu breit zu werden.
Jenseits der Alpen hat sich 2019 Löwengang DOC Chardonnay, Weingut Alois Lager, Südtirol einen Namen gemacht. Nach 11 Monaten im Barrique präsentiert sich ein leicht buttriger, trockenfruchtiger Chardonnay mit Bittermandel-Noten mit frischer Säure und langem Abgang. Tannine und Holz sind sehr harmonisch eingebunden. Auch ihm tut ein vorzeitiges Atmen gut, wie sich in der Nachverkostung zeigte.
Nicht unmittelbar als Chardonnay erkennbar ist 2019 Marina Cvetic Chardonnay Colline Teatine IGT, Weingut Gianni Masciarelli, Abruzzen, die erste nicht allochthone Rebsorte, die das Weingut gepflanzt hat. Intensive Gewürz-Noten, Zitrone, Vanille und Nelken bestimmen den Geschmack, und eine wuchtige Säure den Abgang. Zweifelsohne ein exzellenter Aperitif-Wein.
Zurück zu den Ursprüngen der Rebsorte hat der Kellermeister 2020 „Blanchot“ Chablis Grand Cru, Domaine Servin, Burgund gewählt, einen der 7 Grand Crus im Einzugsgebiet der namensgebenden Unterregion Chablis, die über weitere 40 1er Cru Lagen verfügt. Ein sehr feiner Chardonnay auf typischen Kalk-Terroir mit Aromen von frischen Früchten, Zitrus und weißen Blüten, 3.4g/l Restsäure, feingliedriger Nachhall. Chablis vom Feinsten!
Am Ende sozusagen ein den Weingeschwistern schon bekannter Standard des Kellermeisters: Domaine Berthelomot 2019 Puligny-Montrachet 1er Cru „Les Folatières“, Burgund. 12 Monate im Barrique gereift, bietet der Wein ein breites Spektrum von frischen Früchten wie Birnen,Aprikosen, Quitten, Mirabellen, leicht nussig mit floralen Noten und einem starken Finessen-reichen Abgang. Gäbe es einem Chardonnay – Standard, dieser könnte es in der Meinung des Kellermeisters sein!
Welches Fazit ist zu ziehen? Die enorme Vielfalt der Ausbau-Möglichkeiten der Chardonnay-Traube wurde – wenn auch nur an 10 Beispielen – eindrucksvoll gezeigt! Ebenso die verschiedenen Philosophien und Talente der zitierten Winzer.
Es fällt dem Chronisten schwer, einem Wein die Palme des Abends zuzusprechen, zumal er ja versucht, der geschmacklichen Neutralität verpflichtet zu bleiben! Wenn ihn aber einer ernsthaft fragen würde, läge seine Präferenz in Niederösterreich oder in Südtirol – oder vielleicht doch in der südlichen Pfalz?!
Das ist die Crux mit den ABC-Konvertiten: Ihnen fehlt die Ratio!
Nicht unerwähnt bleiben muss, dass diese Weinprobe bis auf zwei Ausnahmen Grand Crus, 1er Crus, erste Lagen etc. präsentierte, die entsprechende Preisschilder tragen. So bewegt sich der gemittelte Preis pro Flasche bei etwa 38€!! Das meinte wohl auch der Kellermeister mit seiner Bemerkung, dass derartige Verkostungen schwerlich wiederholbar sein werden.
Dennoch meint der secretarius, dass die Sache den Aufwand wert war und dankt dem Mentor für seine Bemühungen und mehr als ausführlichen Darlegungen – auch wenn sie von den Teilnehmern teilweise mit Ungeduld hingenommen wurden!