Weinbruderschaft Nassauerland
Weingut Post House, Südafrika Stellenbosch
25. Oktober 2022
Bloody beginners…….
Was machst Du, wenn Dir Dein Vater, dessen Vorfahren aus der Nähe von Hamburg und aus dem Schwarzwald stammen, ein altes Post-Office nebst 70ha – Farm in der Western Cape – Province Süd-Afrikas vererbt?
Kaum etwas spricht offensichtlich dafür, dass Du das Ganze in ein Weingut verwandelst und die Flaschen-Etiketten mit philatelistischen Motiven der ältesten Briefmarken dekorierst, deren Sammler-Bezeichnungen für die jeweiligen Lagen und Weinsorten stehen – insbesondere dann nicht, wenn Du das Winzer – Handwerk nie gelernt hast!!
Genau das tat Nick Gebers vor 21 Jahren – against all odds, wie man sagt! Die Geschichte stellte der Autodidakt an den Anfang seiner Ausführungen zur Probe von 11 im wahrsten Sinne originellen Weinen, die er staunenden 33 Weingeschwistern einschließlich 11 Gästen vorstellte und erläuterte – in seinen eigenen Worten „handcrafted, unfiltered wine using natural yeasts resulting in wines of unique character and distinction“. Es sei vorausgeschickt, dass sich die Ergebnisse bei aller Empirie sehen – oder besser schmecken – lassen können!
An Anfang stand 2020 Mailing May Sauvignon Blanc, der ob der für diese Rebsorte problematischen zu warmen Klimabedingungen doch seinen grasigen Charakter bewahrt hat, bei 13%alc. allerdings am oberen Limit liegt.
Parallel verkostet wurden als Vertreter der in Süd-Afrika sehr populären Rebsorte 2021 Cameo Chenin Blanc Unwooded und 2021 Stamp of Chenin, letzterer 10…11 Monate im Barrique mit Battonage ausgebaut. Insbesondere Letzterer erfreute sich positiven Zuspruchs – wenn auch er mit 14%alc. fast schon Rotwein-Dimensionen erreicht.
Der 2020 Three Pearls Grenache Rosé ist ebenfalls 4…5 Monate in (alten) Barriques, allerdings ohne Battonage, ausgebaut. Die in Deutschland bislang wenig bekannte Grenache-Rebe ist weltweit in der Rangliste der roten Trauben an 5. Stelle und, insbesondere im westlichen Europa, unter verschiedenen Namen sehr populär. Ein angenehm balancierter Rosé der trockenen Sorte in seinem ersten Jahr auf der Verkaufsliste.
Mit 2019 Admirals Pinotage beginnt der Reigen der Rot-Weine. Pinotage ist eine Kreuzung von Pinot Noir und Cinsault, 1925 von Abraham Isak Perold in Südafrika gezüchtet und überwiegend dort heimisch.
Allgemein ist zu den Roten aus dem Post House zu sagen, dass sie durchgängig trocken ausgebaut sind mit Alkohol – Gehalten zwischen 14 und 15%, Gesamtsäure zwischen 4.8 und 5.7 g/l und Restzucker um 2 g/l.
Wenn auf der einen Seite sortenreine Rebsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Shiraz mit Erfolg vinifiziert werden, so gelingt es Nick Gebers überzeugend Cuvées „à la Bordeaux“ zu kultivieren:
2020 Blueish Black ist dafür ein gelungenes Beispiel: Shiraz, Pinotage, Cabernet Sauvignon und Merlot, teilweise spontanvergoren, zeugen seit den frühen Tagen des Weingutes für einen ausgewogenen Spitzenwein, der laut Hersteller auch nach mehr als 15 Jahren noch in alter Frische stabil ist – den secretarius freut es!
2020 Black Mail Merlot wurde vom Kellermeister mit der Frage belegt, ob hier ein zweiter „Petrus Pomerol“ in der Entwicklung sei. Nicht nur dem Bruderschaftsmeister nötigte der Wein Respekt ab – dem secretarius war er, wenig überraschend, zu jung. Auch dieser Wein ist spontanvergoren mit langer Gär-Zeit bei 29°C. Das kann sich sehen lassen!!
2020 The Bull’s Eye Cabernet Sauvignon (benannt nach der ältesten Briefmarke Brasiliens – der zweitältesten weltweit) ist ein typischer Vertreter seiner Gattung, wie viele kommt er etwas „kategorisch“ daher und betont die Eigenarten der Rebsorte.
Den beiden letzten Weinen ist ein hohes Alterungspotential zuzusprechen – was ihnen sicher zugutekommen würde! Der Konjunktiv begründet sich in der Tatsache, dass dem Winzer der Nachweis nicht gelingt, ist er doch regelmäßig sehr schnell „out of stock“!
2020 Merry Widow Shiraz: die Rebsorte ist insbesondere im Okzident und auf der Südhalbkugel populär, also auch in Südafrika. Von den Reinlagigen der unauffälligste, dem nicht Spezifisches nachzusagen ist.
Das „Fronthorse“ des Weingutes ist ohne Frage die Cuvée „Penny Black“ aus Shiraz, Merlot, Cabernet Sauvignon, Petit Verdot und Chenin Blanc(!!), hier vorgestellt in den Jahrgängen 2019 und 2020 – wobei der Jüngere nach Meinung des Winzers um Längen besser ist! Dem schließt sich der secretarius uneingeschränkt an! Hier ist eine Cuvée gelungen, die zeigt, zu welchen Ergebnis „thinking out of the box“ führen kann. Trotz des geringen Alters ein in allen Belangen ausgewogener Wein, voller Aromen, dem seine 15% alc. nicht zum Nachteil gereichen. Sein starker Abgang ist im Gegensatz zu vielen seiner benachbarten Artgenossen nicht übertrieben! (Der secretarius pflegt ein Vorurteil, das besagt, dass viele Weine aus den ehemaligen britischen Kolonien der Süd-Hemisphäre „des Guten zu viel tun“ und zu „Karikaturen“ europäischer Winzerkunst neigen. Das kann man dem „Penny Black“ nicht nachsagen!)
Lobenswert aber auch 2019 Missing Virgin aus 70% Pinotage und Petit Verdot – vielleicht ein Blick in die Zukunft, scheint es doch, dass der Petit Verdot ob seiner späten Reifung und seines Säuregehaltes geeignet ist, dem Klimawandel zu widerstehen. Allerdings führt seine dicke Schale zu erhöhten Tannin-Gehalten, was aber dem vorgestellten Wein keinen Abbruch tat.
Fazit: Da hat einer schnell gelernt und seinen eigenen Stil gefunden; es wäre zu wünschen, dass er seine Experimentierfreude trotz aller Marktzwänge nicht verliert und noch viele originelle Weine kreiert. Bei den ausgelobten Preisen für die Rotweine bedarf er allemal der Alleinstellungsmerkmale!
Nicht unerwähnt kann bleiben, dass Nick seit einigen Jahren erfolgreich mit in Belgien hergestellten Korken aus Zuckerrohr-Fasern arbeitet. Wer mit der Problematik der Rückstände aus der Zuckerproduktion vertraut ist, kann ermessen, welche Bedeutung dieser Innovation zukommen kann.
Bereitwilliger anhaltender Applaus war Teil der Danksagung zum Ende der kurzweiligen offiziellen Veranstaltung, die zügig über die Bühne ging und zeigte, dass selbst 11 Weine in zwei Stunden kurzweilig „machbar“ sind. So blieb mehr Zeit für die anschließende Diskussion anhand der Neigen.
Dem Bruderschaftskanzler ist für die gelungene Vermittlung und Organisation der Weinprobe zu danken – it was well worth the effort!!


