Weinbruderschaft Nassauerland
Besuch des Weinguts Chat Sauvage
25. Mai 2022
Johannisberg, Burgund?
Stolz prangt die Franken-Lilie auf den Etiketten des Weingutes Chat Sauvage; aus den Rebsorten Chardonnay und Pinot Noir entstehen Weine mit den Namen „Clos de Schulz“, „Selection Schulz“ oder einfach „Le Schulz“ – folgerichtig wähnt man sich im Burgund – und ist damit auf dem Holzweg – oder besser auf dem Hohlweg, denn das ist die Adresse eines Weinmachers in Geisenheim im Rheingau, der seinesgleichen sucht!
Von einem, der auszog, sein eigenes Burgunder – Weingut haben zu wollen: So könnte die Geschichte heißen, die den Werdegang des Hamburger Bau-Unternehmers Günter Schulz beschreibt, der davon träumte, ein Weingut in Frankreich zu haben – und im Rheingau endete, was ihn aber nicht davon abhalten konnte, Burgunder-Weine zu kreieren! Auch wenn dafür die ehrwürdigen Riesling-Rebstöcke weichen mussten!
23 Weingeschwister wollten das genau wissen und machten sich per Reisebus auf den sonnigen Weg, dessen letzte Meter ein wenig beschwerlich waren, da die engen Kurven ab der Schamari-Mühle dem Vehikel den direkten Zugang verwehrten. Nachdem der innere Schweinehund und einige Höhenmeter überwunden waren, wurden die Reisenden mit einem herrlichen Blick über die Weinberge auf Schloss Johannisberg entschädigt und flugs von Verena Schöttle im Verkostungssaal des Gutes willkommen geheißen, der – einschließlich der Gastgeberin – einen weiteren lohnenswerten Blick – auch – auf moderne Kunst bot.
Über die letzten mehr als 20 Jahre wurden 40 Parzellen mit insgesamt rund 8 ha Rebfläche (80% Pinot Noir und 20% Chardonnay) zwischen Lorch und Rauenthal erworben, die für etwa 25.000 Flaschen Wein pro Jahr herhalten – mit mittleren Hektar-Erträgen von 2.500 hl, in einzelnen Fällen auch nur 800 hl.
Frau Schöttle, die ihre weinkundliche Ausbildung in Geisenheim absolvierte und seit 2015 im Weingut tätig ist (seit 2018 als Mitinhaberin) erläuterte insofern Grundlegendes zu Methodik, als dem traditionellen Ausbau des Burgunds folgend in der Regel in Spontanvergärung – teilweise in offenen Bütten – gearbeitet wird. Bei geringstmöglicher mechanischer Pressung und wenig Filterung.
Womit man „medias in res“ gehen konnte – dank intensiver Durchforstung der Weinbestände des Bruderschaftsmeisters, des Kellermeisters und des secretarius, die eine Verkostung der Abteilung Chardonnay mit 2018 Magnum, 2020 „Clos de Schulz“ und 2016 „Clos de Schulz“ möglich machten – das Weingut selbst war nämlich in dieser Hinsicht „blank“ – und wird es bis zur Abfüllung der neuen Jahrgänge im August auch bleiben!!
Man war sich schnell einig, dass Chardonnays dieser Qualität keinen Vergleich scheuen müssen – schon gar nicht in Deutschland! Feine Holznoten sind in allen drei Fällen sehr harmonisch eingebunden, und dass der 2016 strahlend frisch im Glase stand, spräche für seine Haltbarkeit – wohl dem, der noch welchen hat!!
Den Reigen der „Roten“ eröffnete 2017 Rheingau Pinot Noir der Kategorie Gutsweine, eine sortenreine Cuvée der Ortslagen Lorch und Assmannshausen. Nach 2 Jahren im kleinen Holzfass zeigt der Wein kräftiges Tannin bei überwiegender Anmutung roter Beeren.
Es folgte als Ortswein 2018 Assmannshausen Pinot Noir aus der Lage Frankenthal, spontanvergoren in offenen Bütten und ebenfalls 2 Jahre im Holz ausgebaut.
Der 2016 Lorch Pinot Noir aus den Lagen, Pfaffenwiese und Kapellenberg beschloss die Abteilung Ortsweine und verdiente sich ob seiner Ausgeglichenheit und Dichte anerkennende „Ahas“ und „Ohos“ des Wein-Kollegiums.
Die über die Grenzen des Rheingaus hinaus bekannte Lage Assmannshäuser Höllenberg wurde mit dem Jahrgang 2016 präsentiert. Mehr als 50 Jahre alte Rebstöcke liefern einen Lagenwein, der seine lokalen Konkurrenten in Dichte und Balance spielerisch übertrifft – meint der secretarius, obwohl er den Hype um diese Lage noch nie verstanden hat – und darin ist er sich mit der Gastgeberin einig!!
Noch nicht unter ihrer Ägide ist der 2014 Rüdesheimer Drachenstein entstanden, den es auch nur noch gibt, weil die Corona-Pandemie einen Großkunden ausfallen ließ – so steht dieser Wein zu einem „Schnäppchen-Preis“ von 35€ zum Verkauf.
Mit dem 2018 Lorcher Kapellenberg kommt – sozusagen – der große Bruder des Lorch Pino Noir ins Glas, dem eine noch dichtere Mineralität zugesprochen werden kann. Auch dieser Wein ist spontanvergoren; 30% in kleinen Fässern in Erstbelegung ausgebaut. Man glaubt den Stolz der Winzerin ob dieses Weines zu spüren. Allemal hilft ihm das Schiefer- und Quarzit- Terroir!
Außerplanmäßig als Zugabe 2018 „Le Schulz“! Aus der im Jahr 2012 neu bepflanzten Lage Bodenthaler Steinberg – Fallstaff vergab für den Jahrgang hochverdiente 96 Punkte. Extraktreich und füllig, dennoch filigran. Man möge sich warm anziehen im Burgund!!!!
Fazit: Nach wenigen Jahren ist es Chat Sauvage gelungen, neue Akzente im Rheingau zu setzen – insbesondere hinsichtlich der Pinot Noirs, die den Nachweis angetreten haben, dass große Rotweine im Rheingau machbar sind!!
Der Klimawandel, der die Riesling-Winzer der Region derzeit schon beschäftigt, mag auch in Sachen Chardonnay ein kluger Wechsel auf die Zukunft sein. Schon jetzt allerdings sind die Produkte auf hohem Niveau zu beachten.
Das liegt insbesondere auch an Verena Schöttle, die ihr handwerkliches Können und ihre Philosophie vehement und schlüssig darlegte und keine Antwort schuldig blieb! Dies alles hat natürlich seinen Preis – aber der Erfolg beweist, dass der Weg solide und zukunftsfähig ist, auch wenn das vielleicht nicht von allen Rheingauer Winzern wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.
Man mag ob der aufgerufenen Preise durchaus reserviert sein, aber Chat Sauvage vergleichbare Qualitäten kosten auch in anderen Gegenden ihr Geld – und die „könnenden“ Winzer verdienen es wohl zu recht!
Das Nach-Kolloquium nebst Abendessen im Gutsausschank des Weinguts Goldatzel erlebte animierte Diskussionen, und trotz leichter Konfusionen bei der Abrechnung verließ man zufrieden und pünktlich die gastliche Stätte.