Jules Verne’s Phileas Fogg brauchte 80 Tage, um die Welt zu umrunden…….

………..unser Kellermeister schaffte das in schlappen, knappen drei Stunden! Wobei man ihm zugute halten muss, dass ihn der Vorstand auf 10 „Etappen“ begrenzt hatte; nicht auszudenken, wie lange die Reise gedauert hätte, wenn man ihn „von der Leine gelassen“ hätte!? So aber war er angehalten, eine – zwangsläufig – willkürliche Auswahl von Orten und Winzern zu treffen, die eines gemein haben: sie frönen der „Hure der Rebsorten“ (Originaltext des Kellermeisters!), dem Sauvignon Blanc – oft auch als Blanc Fumé bezeichnet! Einer zufälligen etwa 300 Jahre alten Kreuzung aus Traminer und Chenin Blanc ursprünglich wohl im Tal der Loire gezogenen Rebsorte, die heute als zweit wichtigste weisse Traube weltweit „en vogue“ ist. Manchem Bacchus-Adepten sind die Namen „Sancerre“ und „Pouilly-Fumé“ geläufige Begriffe.

Nun weiß der Protokollant, dass Francois Rabelais‘ Romanhelden Gargantua und Pantagruel noch nicht in den Genuss dieses Weines kommen konnten (wg. mangelnder Gnade der späten Geburt!), dennoch versprach der Kellermeister gargantueske und pantagruelische Gaumenfreuden gemäß des Vorspruchs von Meister Rabelais, der da lautet „Erlauchte Zecher und ihr, meine vielgeliebten Lustseuchlinge…..“. Worauf er – synonym sozusagen – hinaus wollte, war, dass diese Rebsorte in einem extremen Maße Nase und Zunge mit Bouqet- und Geschmacks-Varianten zu überraschen weiß, die andere Rebsorten nur eingeschränkt zu bieten vermögen, wenn auch die Geschmacksnoten Stachelbeere, schwarze Johannisbeere, Grüne Paprika, Pfirsich und Grasschnitt als allgemein charakterisierend für den Sauvignon Blanc gelten mögen; nicht ganz unwichtig sind dabei auch dem Terroir geschuldete Nuancen wie Feuerstein. Generell ordnet sich vielen Weinen je nach Provenienz auch eine mehr oder weniger ausgeprägte Mineralität zu.

Derart instruiert und mit einigen weiteren Geschichtlichkeiten präpariert ging die wilde Hatz durch 6 europäische Länder und drei weitere Kontinente los – logischerweise am Geburtsort Frankreich links und rechts der Loire mit

– 2019 Les Charmes der Domaine André Vatan, Sancerre, 12,5%alc. bei Restzucker 3g/l und Restsäure 6…7g/l mit indifferenten Bouquet und einer durchaus prägnanten Säure zu einem Preis von 14,50€. Die Reaktion des Auditoriums blieb wie das Bouquet indifferent und abwartend.

– 2017 Nuit Blanche der Domaine de Maltaverne, Pouilly Fumé, 13%alc. biologisch und spontan vergoren, mit deutlicher Feuerstein-Anmutung und einer frischen Säure; wenn man so will, ein klassischer Vertreter seiner Zunft und Region, der mit 26,50€ das fordert, was französische Qualitätsweine dieses Kalibers erzielen. Noch reagierte das Publikum reserviert.

Der Sprung über die Alpen zu den mediterranen Nachbarn nach Südtirol in die Region Bozen brachte 2020 Floreado Sauvignon Blanc der Weinkellerei Andrian, Terlan in die Gläser. Bei 13%alc., Restzucker 2g/l und Restsäure 6,4g/l traten Noten von Holunder, Stachelbeere, Zitrus und schwarze Johannisbeere in die Nase, während die Zunge schwarze Johannisbeere, Stachelbeere und exotische Früchte vermeldete. In Vergleich zu den komplexen „Franzosen“ schon ein etwas lebhafterer Sauvignon Blanc – mit 13,50€ zu notieren.

Mehr dem rauen Atlantik zugewandt ist der 2020 Dominio de la Granadilla Sauvignon Blanc aus Rueda, Valladolid. Die kalkreichen Böden in über 500m über dem Meeresspiegel verleihen dem Wein eine deutliche Mineralität mit Anmutungen von Zitrus, exotischen Früchten und weißem Pfirsich im Bouquet und auf der Zunge, bei 13%alc. und einem harmonischen Verhältnis von Restzucker (3,8g/l) und Restsäure (5,7g/l). Der vergleichweise diskrete Preis von 9,95€ entspricht dem Wein.

Zurück nach Mitteleuropa geht die Reise nach Hallau bei Schaffhausen, wo zwei Quereinsteiger die Vinifizierung und Vermarktung einiger Weine des Weinguts Gasser-Bircher eben dort übernommen haben. Auf einer Gesamtfläche von nicht mehr als 3,5 ha werden u.a. rund 8.000 kg Sauvignon Blanc Trauben gewonnen und zu einem voluminösen Wein vergoren, der unter dem Namen Wunderstaa Sauvignon Blanc AOC Schaffhausen in den Handel kommt. Der 2020er hat bei 13%alc. eine Restsäure von 7,5g/l und 4 g/l Restzucker ein Bouquet, das Holunder, Stachelbeere und weißen Pfirsich riechen lässt und auf dem Gaumen Grapefruit und exotische Früchte und Papaya suggeriert. Im Abgang persistent. Bei genannten 18€ ist er für Schweizer Verhältnisse preiswert.

Mit 2018 Ried Grassnitzberg Sauvignon Blanc Bio des Weinguts Tement/Steiermark erreicht die Reise einen Favoriten des Kellermeisters, der trotz Korallenriff-Terroir ein Feuerstein-Bouquet vermittelt, ansonsten nicht mit Zitrus und schwarzer Johannisbeere geizt. Bei 1,2g/l Restzucker und 6,7g/l Restsäure ist er anhaltend und facettenreich im Abgang. Das hat mit 25€ dann aber auch seinen Preis! Im Vergleich zu seinem Schweizer Vorgänger, der sich ausladend präsentiert, ist er ein nobler und komplexer Zeitgenosse mit hohem Alterungs-Potenzial. Wäre in umgekehrter Reihenfolge verkostet worden, hätte er ohne Zweifel mehr Anklang gefunden!

Im Reigen der Europäer darf ein deutsches Produkt nicht fehlen, noch dazu wenn es – wie Phönix aus der Asche – von einer jungen Winzerin, die Geisenheim mit Bravour absolviert hat, stammt. Judith Dorst ist ihr Name, und ihre Kreation ist der 2020 Dorst Sauvignon Kalkmergel aus Rheinhessen. Hier treten grüne Paprika, Grasschnitt und Stachelbeere sowie Passionsfrucht in Nase und Mund hervor. Der Ausbau in Edelstahl im sauerstoff-freien Milieu bei 13…14°C resultiert in 13%alc. bei 2,3g/l Restzucker und 7,1g/l Restsäure. Wer sagt da noch, die deutschen Winzer können keinen Sauvignon Blanc – und das für 5,90€!!

Und damit knappe 9.000 km nach Süden! Das Weingut Vergelegen in der Nähe von Scharpenberg in der Kap-Provinz gehört zu den traditionsreichsten und besten Südafrikas. Der 2018 Sauvignon Blanc Reserve unterstreicht das vollinhaltlich. 14%alc., Restsäure 6,6g/l und 2,2g/l Restzucker machen diesen Wein nach sorgfältiger Handlese und Vergärung in der Stickstoff-Atmosphäre zu einem Manifest der Rebsorte mit dichter Struktur und eindrucksvoller Mineralität. Nach 7 Monaten auf der Hefe verdient er sich die Bezeichnung Reserve. Stachelbeere, Feigen und grüne Paprika überwiegen in diesen vollmundigen Wein mit starkem Abgang. Seinen Preis von immerhin 23€ wird er damit gerecht.

Weitere 8.000 km nach Westen betreibt ein Ableger die Weinbau-Dynastie Torres in Chile südlich der Atacama Wüste am Fuße der Anden seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Weingut Cordillera, wo unter anderem der 2015 Cordillera Sauvignon Blanc produziert wurde. Der Humboldt-Strom und die kalten Fallwinde der Anden prägen das moderate Klima und geben dem Wein seine besondere Note, insbesondere geprägt von grüner Paprika. In Edelstahl ausgebaut kommt er nach 5 Monaten auf die Flasche und hat bei 13%alc., 1% Restzucker und 6,1% Restsäure seinen eigenen Charakter, den man nicht mögen muss – auch nicht für 13,70€.

Die letzte Etappe der Weinreise erreichte der Kellermeister nach weiteren 9.500 km in Neuseeland jene Weinprovinz, die trotz aller Jugend (kaum mehr als 50 Jahre ist sie alt!) schon in aller Munde ist. Und so ist es nicht verwunderlich, dass mit dem 2020 Cloudy Bay Sauvignon Blanc aus der Region Marlborough wohlmöglich der Kulminationspunkt des Abends erreicht wurde. Neben dem konventionellen Ausbau werden 7% im Holz gereift. Am Ende steht ein Produkt mit 13%alc., bei 2,2g/l Restzucker und 6,6g7l Restsäure mit hoher Mineralität. Stachelbeer und Passionsfrucht-Noten sind prägend, frisch und ausgewogen bietet er einen grandiosen Abgang mit gutem Nachhall. Wer nach nur 50 Jahren einen derartigen Wein erzeugt, gibt Anlass zu bester Hoffnung! Wie fast alle trendigen Modeweine dieser Auswahl liegt er bei saftigen 25€!

Womit der Kellermeister seine umfänglichen Ausarbeitungen mit einem Dank an seine Frau schloss und mit dem Zitat „Schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann“ auch den literarischen Bogen der Veranstaltung vollendete.
Fazit: Man mag zwar vielleicht nicht Sauvignon lieben, aber wenn er so fundiert präsentiert wird, dann kann man sich ihn auf jeden Fall mit Genuss nähern – und so auch der „Hure der Rebsorten“ manches Positive abgewinnen. Dies war es auch, was der Bruderschaftsmeister in seinen enthusiastischen Dankesworten zum Ausdruck brachte und die Gesellschaft mit angemessen anhaltendem Applaus quittierte.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass der Kellermeister zu den Neigen noch zwei Flaschen aus seinem Schatzkästlein (wohl eher Truhe oder Tresor!) zum Besten gab; zurückkehrend zu dem Anfang der Reise und den Wurzeln des Sauvignon Blanc verloren zwei ehrwürdige Exemplare aus den Jahren 1995 und 2002 (ich sage nur Sancerre!) ihren Hals. Das war dann in keinem Fall das notorische „Pipi de Chat“ – nein das war „Pipi d’Ange“ – und wäre allein den Abend schon wert gewesen! Möglicherweise haben einige zu früh Entfleuchte diesen Hochgenuss verpasst – für selbige gilt in Abwandlung des Zitates eines großen Staatsmannes: Wer zu früh geht, den bestraft das Leben!