Protokoll der Verkostung vom 29.07.2020

Weinbruderschaft Nassauer-Land
Weingut Würtzberg, Serrig

24 Weingeschwister und 2 Partner*innen fanden den Weg in das Staffeler Dorfgemeinschaftshaus, um in der luftigen und spät nachmittäglich sonnigen Sommer-Klinik an dem Seminar Prophylaxe und Therapie von Covid-19 mittels ausgewählter Reben-Derivate teilzuhaben.

Geladen war das Weingut Würtzberg aus Serrig an der Saar, das in dem Jahr 2016 in den Besitz der Familie Neuwinger-Heimes übergegangen ist, die auf 16,5 ha Rebfläche Riesling-, Burgunder- und Auxerrois-Reben hauptsächlich in süd-südwestlich ausgerichteten Steillagen auf devonischen Blau- und rotliegenden Rotschiefern kultiviert. Im Mittel werden jährlich 80.000 Flaschen produziert, von denen etwa zwei Drittel mit Riesling gefüllt sind. Das Weingut blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück und leitet seinen Namen aus der Monopollage und Gemarkung Würtzberg her. Unter den zahlreichen Besitzern der vergangenen Tage finden sich illustre Zeitgenossen wie preußische Staatsminister und Abkömmlinge der ehemaligen Besitzer der Fachinger Mineral-Quellen.
10 der 16 produzierten Weine hatte Frau Heimes, die als Tochter eines Mediziners einschlägige Seminar-Qualifikation vorweisen kann, zur Verkostung mitgebracht und nach kurzer Vorstellung des Weingutes zur therapeutischen Anwendung freigegeben.

Eröffnet wurde der Reigen mit einem 2019 Pinot Blanc trocken (12% alc.  mit 7g Restzucker und 5,9g Säure), sozusagen als Reminiszenz an die Vorbesitzer aus der Familie von Schorlemer, die mit der Einführung von Burgunder-Reben an der Saar  Pionierarbeit leisteten. Wie alle Weine des Hauses ist auch dieser spontan vergoren und  durch seine lange Verweilzeit auf der Maische charakterisiert. Der Ausbau erfolgt hälftig in Stahltank und im großen Holzfaß.

Auf den Fuß folgte ein Auxerrois  (Kreuzung aus einer Heunisch- und einer Pinot (Noir?) -Rebe. (Anmerkung: Hildegard von Bingen bescheinigte der Heunisch-Traube, daß sie von Natur aus wäßrig sei und nicht verdünnt werden müsse – im Gegensatz zum fränkischen Wein, der stark sei und mit Wasser verdünnt werden müsse! Heunisch war bis Mitte des 19. Jahrhundert die meist kultivierte Rebsorte in Mitteleuropa, da sie spät treibend und damit ertragssicher war.)
Der 2019-Jahrgang steht mit 7g Restzucker und 5,7g Restsäure schon recht erwachsen und balanciert im Glas, und  keiner kann ihm nachsagen, er sei dünn bei 13,5% alc.

Als dritter Vertreter der Burgunder folgte ein 2019 – Pinot Gris, der mit 6g Restzucker und 5,5g Säure ebenso harmonisch war. Hierzu wurde angemerkt, daß sich die Grauburgunder-Trauben infolge der geringeren Säure hohen Zuspruchs der Wildschweine erfreuen, die im Vergleich die Riesling-Trauben meiden. Folgerichtig findet in entsprechenden Schwarzkittel-Jahren der Grauburgunder mangels Masse nicht statt, und Kenner behaupten, daß entsprechende Wurst- und Fleischwaren einen Pinot-Geschmack ausweisen.
Will man die Saar-Burgunder in Vergleich zu anderen Regionen setzen (Rheinhessen, Pfalz), so kommt ihnen als charakterisierendes Merkmal ihre aus dem Terror abzuleitende Mineralität zugute. Allgemein sind sie filigraner als die teilweise schwerfälligeren und breiteren Namensvettern aus den großen südlicheren Anbaugebieten.
Mit dem 2018 SCIVARO (= altdeutsches Synonym für Schiefer)  Gutsriesling kam der erste klassische Saar-Riesling ins Glas. Bei 11g Restzucker und 6.9g Restsäure kann man ihn getrost als gefälligen Gutswein einordnen – ohne daß er die typische „Mosel-Nase“ zeigt.
Hier merkt der secretarius, der nicht notwendigerweise ein Fan von Mosel-Rieslingen ist, an, daß er es für äußerst bedauernswert hält, daß die alte Weinbau-Region-Bezeichnung „Mosel-Saar-Ruwer“ auf „Mosel“ verkürzt wurde. Vielmehr hätte man für die Saar eine eigene Region kreieren können, erscheinen doch die Unterschiede zur Mosel signifikant zu sein. Dies gilt nicht zuletzt für die deutlich lebendigere Nase der Saarweine als auch für das Terroir hinsichtlich der rotliegenden Schiefer. Hier vermißt man die dumpfen Nasen einiger mittelrheinischer und Mosel-Weine in keinster Weise!
Mit dem 2019 Riesling trocken Ockfener Bockstein trocken erfolgte der Übergang zu den großen Lagen. Wäre das der letzte Wein auf der Liste gewesen, hätte man es zufrieden sein können – Saar pur im positivsten Sinne. Bei 5g Restzucker und 6,2g Säure ruht er trotz seiner Jugend schon in sich. Man hätte gerne seine älteren Geschwister zum Vergleich gehabt! Aber der Gipfel war ja noch nicht erklommen!
Parallel verkostet wurden die beiden Monopollagen 2019 Serriger Herrenberg Riesling Blauschiefer feinherb und 2018  Serriger Würtzberg Rotschiefer trocken. Das war dann mal eine Lektion in Terroir, selbst wenn man davon absieht, dasss es zwei verschiedene Jahrgänge waren! Und es war ob der Reaktion der Weinbruderschaft ein Beweis dafür, dass die Winzer der Region vieles richtig machen – insbesondere für den internationalen Markt. Der Blauschiefer mit 12g Restzucker und 7,7 Säure bestätigt alle einschlägigen Erwartungen an die Weinbau-Region, während der Rotschiefer in seiner Mineralität bei 7.5g Restzucker und 7.3g Restsäure ein filigraner, eher regional untypischer würdiger Vertreter der Rotliegend-Weine ist – der Autor lobt ihn sehr, nicht zuletzt auch wegen des Ausbaus in großen Faß!
Der 2018 Serriger Würtzberg Riesling Spätlese Großes Gewächs trocken aus dem Holzfaß rundet im Wesentlichen das Gesagte ab! Das Weingut heißt zurecht Würtzberg!! Nicht nur dieser Wein verspricht ein großes Lagerungspotenzial. Und wo bekommt man so ein Kaliber noch für 16€?! Überhaupt kann der Kunde über das Preis-Niveau des Weinguts nicht klagen!
2019 Serriger Würtzberg Riesling Kabinett Goldstück feinherb ist – nicht nur – der Wein der Einheimischen, der Renner bei den Weinfesten! Das ist ein Schmeichler, der die Herzen insbesondere der Damen bei 26g Restzucker und 7,8g Restsäure höher schlagen lassen sollte – die Einstufung durch den secretarius wurde durch die Zensur untersagt!
Der Gipfel wurde erreicht mit 2019 Serriger Würtzberg Riesling Spätlese alte Reben „wurzelecht“ – Rebstöcke aus dem Jahr 1944! Bei 9,5% alc. haben die Stöcke durchaus noch alles,  um einen großen Wein zu kultivieren.

Fazit: Einerseits ist das Weingut Würtzberg mit seinen Steillagen ein typischer Repräsentant der Winzer der Region, andererseits erhebt es mit der Philosophie der konsequenten Spontan-Vergärung mit Naturhefen einen hohen Anspruch und hat mit den Rotschiefer- und den Monopol-Lagen ausgezeichnete Alleinstellungsmerkmale. Wenn man bedenkt, dass infolge der Morphologie intensive Handarbeit in den Weinbergen alternativlos ist, so kann man die Auspreisung der Weine nur dankbar zur Kenntnis nehmen. Bei einigen der Produkte darf man gespannt sein, zu was sie über die Jahre in den Flaschen heranwachsen werden. Für Kontinuität scheint mit dem schon im Betrieb aktiven Jungwinzer Felix unter Anleitung des vormaligen Kellermeisters Lenz gesorgt zu sein.
Nach Aussprechen des hochverdienten Dankes an Frau Heimes  widmeten sich die Weingeschwister der therapeutischen Nachbehandlung unter Zuhilfenahme der großzügigen Neigen und orderten allenthalben weitere segensreiche Medikation.
Am Ende verließen 25 Weingeschwister und eine Partnerin – (wer diese Niederschrift aufmerksam gelesen hat, vermerkt, das sich ein Partner spontan in einen Weinbruder gewandelt hat: Herzlich willkommen Volkmar Gundermann!) – zufrieden und auf weitere Corona-freie Veranstaltungen hoffend die Sommer-Praxis.