Protokoll der Verkostung vom 29. 05. 2019 Weinhaus Schultes
Wenn auch der Weg hinab in die dunklen, feuchten Gewölbe des WeinhausSchultes und herauf auf die mitternächtliche Plötze nur mit Beschwernisund demütig gesenkten Hauptes vonstatten ging, fanden sich doch erfreuliche 23 Weingeschwister im vom Zerfall geretteten Keller ein, hüllten sich ob der klammen Kälte in wärmende Gewänder und Decken und harrten der Dinge, die der Kellermeister (sozusagen zurück zu den Gründungswurzeln der Bruderschaft vor 11 Jahren) in Sachen Saale – Unstrut in die Gläser zu zaubern anhob – nicht ohne vorher gebührlich durch den Bruderschaftsmeister begrüßt worden zu sein. (Welch ein Satz solch komplexer Struktur, der selbst einen Thomas Mann hätte vor Ehrfurcht erblassen lassen!)
War es der gute Vorsatz des wohl mögenden Vorstandes der Bruderschaft, der der grundlegenden und gelungenen Restauration des ehrwürdigen Gebäudes die Ehre geben wollte, so wurde dieser – soviel sei vorausgeschickt – durch die zu wünschen übrig lassende Betreuung und Verköstigung durch den Betreibers des Etablissements frustriert.
Dennoch erhob der Referent nach längeren Stühle- und Tische-Rücken, Verteilen von Literarischem und Stiften tapfer das Wort in der Dunkelheit, auf allfälliges und nützliches Wissen – vulgo Wikipedia – über die Weinregion hinweisend, deren Anfänge wohl den Zisterzienser – Mönchen geschuldet sind, die vor mehr als 1000 Jahres dem vom Otto III.
gewährten Privileg des Weinbaus huldigten und somit die Geschichte des nördlichsten Weinbaugebietes Deutschlands einleiteten, die ihren Höhepunkt im 16. Jahrhundert mit etwa 10.000 h Anbaufläche fand! Mit der Einführung von Kaffee und Tee sank die Bedeutung des Weinbaus deutlich, kam mit dem Auftreten der Reblaus Ende des 18. Jahrhundert fast zum vollständigen Erliegen, kam mit dem Wiener Kongreß in preußische Hand, und verfügte endlich – nach der glorreichen Zeit des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschen Boden, trotz (oder wegen?!) Förderung durch die proletarische Regierung in den sechziger bis achtziger Jahren und wegen des Katastrophenwinters 1986/87 nur noch über 100 ha Anbau – Fläche. Aktuell werden etwa 760 ha – 650 in Sachsen-Anhalt und 110 in Thüringen – bestellt.
Wie so viele Weinbau – Regionen Deutschlands rühmt sich auch die Gegend um die namensgebenden Flüsse Saale und Unstrut eines mediterranen Klimas („Toskana des Nordens“). Die Wahrheit bescheinigt mit 1.600 Sonnenstunden und 500 mm/Jahresniederschlag allerdings bestenfalls unauffällige Klima – Klima-Vorteile!
In Sachen Bodenbeschaffenheit ist die Gegend im Triassischen Muschelkalk analog der mainfränkischen Regionen einzuordnen; auf diesem Substrat werden erstaunliche 50 Rebsorten angebaut, einige davon singulär in Deutschland. In der Hauptsache allerdings sind es die klassischen Reben Müller-Thurgau, Weißburgunder, Grauer Burgunder und Riesling, in einem Anflug von Größenwahn versuchen sich einige Winzer auch an Spätburgundern – es braucht dazu allerdings noch eines entschiedenen Klimawandels, um gesteigerte Erwartungen zu befriedigen!
Nachdem dies alles vorausgeschickt war und nicht unerwähnt blieb, dass die zahlreichen Winzer teilweise sehr kleinteilig aufgestellt sind (Anbauflächen < 1 ha!) und den Weinbau wohl eher in Nebenerwerb betreiben, funkelte der erst Müller-Thurgau im Glas
2017 Müller-Thurgau trocken, Weingut Böhme & Töchter, 12.5%alc. ein lt. Kellermeister leichter, aber doch dichter, mineralischer Tropfen mit betontem Muskat- und Walnuß – Bouquet.
Einzuflechten ist hier, dass sich eine Gruppe von anfänglich 8 (heute 6) Winzern unter dem Markenbegriff „51. Breitengrad“ zusammen geschlossen hat, deren Weine als Qualitätskriterium > 90° Öchsle vorweisen müssen, und die nicht unter 18€/Flasche vermarktet werden dürfen. Auch das Weingut Böhme zählt zu diesem Kreis.
Auch der 2017 Müller Thurgau (12%alc.) der Winzergenossenschaft Freyberg geht in den Geschmacksnoten in die gleiche Richtung, ist aber insgesamt ausdrucksloser. Hier steht im Vergleich Individualität gegen Mengenprodukt!
In der zweiten Gruppe der Grauburgunder standen
2018 Naumburger Steinmeister von dem Weingut Herzer (13%alc.) – aus 60….80 Jahre alten Weinstöcken und
2017 Gröster Steinberg aus dem Weingut Thürkind im Vergleich. Man muß in d beiden Fällen schon die Traube wissen, um die Weine einordnen zu können. Das sind sicher nicht die uns so vertrauten rheinischen Grauburgunder, eher kommen sie den fränkischen näher.
Die große Überraschung des Abends aber waren die Weißburgunder
2017 Höhnstätter Kreisberg, Weingut Born (13%alc.) mit einem Öchsle – Ausgangswert von 103°!!!!!, einem Wein , dem man mit Fug und Recht Spätlese – Niveau zubilligen kann und muß! 30% dieses Weines werden über Spontangärung vinifiziert. Bei einer Restsäure von 8 o/oo zeigt sich eine Vielfalt von Aromen, die spontan die Frage aufwarf, wie stabil der Wein denn wohl auf lange Sicht sein würde? Der Kellermeister äußerte dazu, dass von ihm verkostete ältere Jahrgänge stabil waren.
sowie
2016 Kaatschener Dachsberg Weißer Burgunder trocken, Winzerhof Dussek 13,5%alc.. Letzterer von einer sehr individuellen Eleganz, die ihresgleichen sucht. Mann hätte sich gewünscht, dass diese beiden Weine
in umgekehrter Reihenfolge ausgeschenkt worden wären. Das hätte bei dem Dachsberg die ihm gebührende Ehrbezeugung noch deutlicher ausfallen lassen!!Aber auch so muß man diesen Saale-Unstrut Weißburgundern höchster Lob zollen – was ja nicht in allen deutschen Wein-Regionen angezeigt ist. Genauso untypisch wie die Vorgenannten stellten sich die Rieslinge
2017 Freyberger Schweigenberg Riesling trocken, Weingut Böhme & Töchter 13%alc.
2017 Riesling Spätlese trocken Lagenwein der Winzergenossenschaft Freyberg 12%alc.
vor. Sie sind , wenn man den in der Einladung zitierten Riesling – Äquator zu Grunde legt, mit „unseren“ Rheingauer Denkungsarten nicht uzuordnen. Dennoch zeigt sich im Allgemeinen, dass die Winzer
offensichtlich ein „Riesling – Konzept“ haben.
Der Kellermeister ist zu loben, wenn er der guten Ordnung halber auch Rotweine aus der Region vorgestellt hat:
2015 Spätburgunder Muschelkalk trocken, Steillagenwein, Weingut Hey, 13,5%, 24 Monate Barrique
2015 Kaatschener Spätburgunder trocken, Winzerhof Dussek, 12,5%alc. Ganztrauben -Gärung, Holzfass
Spontan fragt sich – nicht nur! – der secretarius, was wohl aus diesen „Trauben- Extrakten“ ohne lange Lagerung im Holz geworden wäre?! Bei allem Respekt vor dem Mut der Hersteller überwiegt in der Bewertungdie Arroganz der Besseres Gewohnten! Diesen Weinen kann nur ein grundlegender Klimawandel auf die Beine helfen (siehe oben!). Besser noch besinnen sich die Winzer in aller Bescheidenheit auf ihre durchaus bemerkenswerten „Weißen“!
Ob der Ergebnisse dieser Verkostung waren die anschließende Diskussion und Neigenprobe lebhaft und positiv kontrovers. Unbeschadet erklommen die Bacchus -Jünger die steile Stiege in die deutlich mildere Mitternacht und gingen um eine oenologische Erfahrung reicher zufrieden ihrer Wege. Wäre das Umfeld und Service des ehemaligen Weinbruders dem Event angemessen gewesen, wäre die Freude ungetrübt!