Hessen mobil
(oder eine fast gescheiterte Weinverkostung)
Protokoll
eines Ausflugs nach Zwingenberg am 16. 05. 2018 zum Weingut Simon – Bürkle
Frohen Mutes und (nicht nur!) taten-durstig machten sich ein Dutzend Weingeschwister nebst weiteren drei Partnerinnen, wohl bewehrt mit den jahreszeitlichen Wetter – Utensilien auf den Weg an die hessische Riviera, vulgo die hessische oder Odenwälder Bergstraße. Nach einer wohl koordinierten Aufsammel – Aktion der im Aartal wohnhaften Bacchus-Jünger und Bacchantinnen erreichte man die A3 mit kommodem Zeitpolster mit dem Vorsatz pünktlichst das Weingut Simon – Bürkle zu erreichen.
Aber da hatte die Organisation nicht mit den Tücken der hessischen Hautverkehrsader A3 gerechnet und wurde in der westlichen Einflugschneise der Frankfurter Flughafens jählings und für mehr als 90 Minuten ausgebremst. Und so begann die Weinprobe nach einigen Umwegen mit lechzenden Zungen erst um 18.30h in einem Zuge mit dem gebuchten rustikalen Imbiss.
Auf dem Weg hatte der secretarius in kargen Worten in das drittkleinste deutsche Weinbaugebiet „Hessische Bergstraße“ (bis 1971 nördlichster Teil der Badischen Weinstraße) eingeführt. Auf etwa 440 ha Anbaugebiet produzieren etwa 600 Winzer – hauptsächlich organisiert in zwei Genossenschaften (Bergstädter Winzer Heppenheim und Odenwälder Winzergenossenschaft – jährlich durchschnittlich 350 hl Landwein, 21.650 hl Qualitätswein und 8050 hl Prädikatswein, davon 65% trocken, 35% halbtrocken und 10% lieblich/süß ausgebaut. Prädominante Rebsorten sind Riesling (>50%), Müller-Thurgau (10%) und Grauburgunder (8.5%), daneben aber auch Silvaner, Muskateller, Scheurebe, Gewürztraminer, Auxerrois(!!), Weißburgunder, sowie als rote Trauben Spätburgunder, Lemberger und Cabernet Sauvignon (!!!). Nur wenige Winzer sind Eigenvermarkter – so auch das 1991 aus einer Zusammenlegung entstandene Weingut Simon – Bürkle mit einem Ausstoß von etwa 80.000 Flaschen/Jahr aus 11 ha Rebfläche (davon 6 ha Riesling).
Mitinhaber in der zweiten Generation Johannes Bürkle hatte geduldig der Reisenden geharrt und begrüßte die Schar – teils im Hof, teils gewärmt im Verkaufsraum – mit
2015 Riesling Sekt brut 12.5% alc., ein gefälliger, weiniger Sekt, der die trockenen Kehlen wohltuend benetzte.
Danach ging es dann auch gleich „in die Vollen“. Hatte der secretarius eine Verkostung von 6 Weinen gebucht, waren es am Ende 10 Produkte, die mit „Aha“ und „Oho“ Berücksichtigung und Beachtung fanden.
In der Reihenfolge wurden verkostet
2016 Hessische Bergstrasse Grauburgunder trocken 13.0%alc. (elegant und so gar nicht rheinhessisch oder pfälzisch!)
2016 Alsbacher Schöntal Auxerrois trocken 12.5%alc. (erhebliches Oho und verbreitete zustimmende Artikulationen)
2016 Granit Riesling trocken 12.0%alc. (das „Flaggschiff“ der Weinguts – und das völlig zu recht!! Vielleicht der Bergsträsser Riesling?!))
2012 Diorit Riesling trocken 13.0%alc. (sehr erhebliches Aha und Oho, teils bemerkenswerte Gefühlsausbrüche und Ovationen – ein grandioser Exot! Wer hätte so etwas hier erwartet!?)
2016 Zwingenberger Steingeröll Muskateller trocken 12.5%alc. (da fehlte nur noch der jahreszeitliche Spargel – war nicht jedermanns Sache! Wird aber „von der Jugend“ gerne getrunken!)
2015 Alsbacher Schöntal Gewürztraminer trocken 12.5%alc. (Schade, mit dem Muskateller noch im Mund wurde diesem Wein nicht der verdiente Respekt gezollt. Anders herum serviert wäre besser gewesen! Ein feiner, dezenter Wein)
2017 Hessische Bergstrasse Silvaner trocken 12.5%alc. (in der 1 l – Flasche, aber im gleichen Ausbau wie die 0.75 l Flaschen. Wer Silvaner mag…….)
Wenn der letzte Wein sozusagen als Reparaturtrank gedacht war (vielleicht gar kein so schlechter Gedanke?!), ließ es sich der Gastgeber nicht nehmen, die Abteilung „Rot“ zu präsentieren:
2016 Zwingenberger Steingeröll Lemberger trocken 13.5%alc. ( da musste man schon überzeugter Württemberger sein oder viel Heimweh haben!!…)
2015 Zwingenberger Spätburgunder trocken 13.5%alc. (Der secretarius ist versucht zu sagen: ein deutscher Spätburgunder halt! Aber damit täte er einigen auf der anderen Rheinseite Unrecht: die können das wesentlich besser!!!!!)
2008 Auerbacher Hölberg Cabernet Sauvignon trocken barrique 13.0%alc.
(Da hat einer Mut!!! Wenige deutsche Winzer trauen sich an einen reinlagigen Cabernet Sauvignon heran. Aber da hilft kein Vergleichen mit anderen Provenienzen, dieser Wein ist, wie er ist – und er trieb sozusagen einen Keil zwischen die Teilnehmer – insbesondere die Tatsache, dass er zwei Perioden à 11 Monaten in frischen barriques gelagert wurde. Unserem puristisch gestimmten Kellermeister war das alles – sagen wir mal euphemistisch – zu viel Hokuspokus, aber es gab nicht wenige, die diesem Erzeugnis Respekt und Potential einräumten. Der Protokollant meint, dass hier ein auch für den Winzer noch empirischer Lernprozess abläuft, zu dem man ihm Glück wünschen möchte. Über das Verhältnis Aufwand zu Ergebnis und den Preis wird der Markt befinden – und unbestrittenermaßen bekommt man für den aufgerufenen Preis gut-kalibrige Rote anderer Gegenden. Aber dennoch…………der hat was!)
Was bleibt am Ende – in „a nutshell“, wie der Brite sagen würde?
Das Gebiet: klein aber oho! Insbesondere für Weißweine bemerkenswert und entdeckungswürdig!
Unser Gastgeber: Eloquenter Überzeugungstäter (Handlese, starker Rückschnitt der Trauben, experimentierfreudig). Sympatisch!
Die Weine: so vertraut und doch sooooo! anders – und das liegt auch – am Terroir: Löß – Böden bis zu 6 Metern, magmatische Gesteine, Granit, Granodiorit, Diorit, ein bisschen Buntsandstein – und Wurzelstöcke der Reben, die in 6 m Tiefe noch großkalibrig im Durchmesser sind, auf der Suche nach Wasser! Insbesondere der Diorit – Wein ist ein Ausbund an Mineralität, wenn man das Schlagwort benutzen darf,
– an der Lage: Geschützt durch den Melbocus und in steilen Lagen insbesondere von der Nachmittagssonne profitierend,
– am milden Klima des Oberrheintalgrabens
– und natürlich nicht zuletzt am Plan des Winzers!!
Gegen 21.20h kam eine animierte Weinrunde zu einem zufriedenstellenden Abschluss mit gebührendem Dank an den Gastgeber.
Als wäre es des Guten nicht genug, sorgte Weinbruder Arnold Blaschczyk noch für einen Nachtrunk im Bus, und so verlief die Rückreise Stau-frei – mit wenigen Irrungen und Wirrungen in der Annäherung auf (wie der Einheimische sagt) „Kahollese“ – und entspannt. Fast alle Teilnehmer wurden von unserem freundlichen Busfahrer sozusagen direkt ins Bett gebracht!!!
De Verantwortlichen von Hessen mobil und der internationalen LKW – Fahrer Gilde müssen ob der animierten Kommentierungen im Stau noch heute die Ohren klingen. Allein Weinbruder Olaf Krause blieb allzeit entspannt!!
- Bundeswein Prämierung Gold extra 100%
- Empfohlen im Gault&Milau 80%
- Empfohlen im Vinum 2018 80%
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Riesling Anbau
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Rotwein Anbau
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